Eine Verwundbarkeit bei Google Buzz

Interessanter als Datenschutz: Like-hijacking. Niedliche Photos von Katzen posten und warten, bis Leute auf „Like“ geklickt haben, sodann auf „Edit“ klicken und den Holocaust leugnen. Danach allen Personalchefs bescheidsagen.

Wissenschaftliche Sozialwissenschaft

Wissenschaft ist nicht bloß eine Fortsetzung des gesunden Menschenverstandes […]. Wissenschaft fängt dort an, wo Vorstellung aufhört, und sie untergräbt viele der hausverstandsmäßigen Intuitionen. Dies trifft besonders auf soziale Systeme zu, weil diese im Gegensatz zu ihren Komponenten, den Individuen, kontraintuitive Eigenschaften haben, von denen die meisten nicht wahrnehmbar sind, so dass sie sich oft auf unvorhergesehene oder unvorhergesehen bösartige Weise verhalten. Die Behauptung, dass wir unmittelbares oder intuitives Wissen über andere Menschen besäßen und der Anspruch, dass sozialwissenschaftliche Modelle allgemeinverständlich zu sein hätten, sind die besten Voraussetzungen, um Banalitäten und Irrtümer in industriellen Stückzahlen zu produzieren. Wir sind aufgefordert, zwischen gesundem Menschenverstand — inklusive schlüpfrigem und unkontrolliertem Verstehen [deutsch im Original!] — und Wissenschaft zu wählen. Wenn wir uns für Letzteres entscheiden, werden Forschung und Praxis unsere Intuitionen so weit schulen, dass wir das, was Anfänger kontraintuitiv finden, intuitiv oder beinahe intuitiv finden werden.

Mario Bunge: Social Science Under Debate, Übersetzung von mir.

Sozialforschung am Avatar

Eigentlich nicht riesig überraschend, aber schön ausgearbeitet: Das Sternzeichen hat gar keinen, die ethnische Gruppe (eigene Angabe) fast keinen und die Religion einen ziemlich großen Einfluss darauf, wen man auf einer Online-Dating-Plattform attraktiv und interessant findet und von wem man interessant und attraktiv gefunden wird. Jeweils nach eigenen allgemeinen Angaben („das und das ist mir an einer anderen Person wichtig und so und so schätze ich mich ein“), ohne Ansehen einzelner Personen.

Mit soetwas werden wir in Zukunft öfter konfrontiert werden. Je mehr Bereitschaft zur Selbstquantifizierung, desto leichter ist es, so eine Auswertung rauszudrücken und desto mehr ist sie dann auch selbstrechtfertigend („Intelligenz ist, was ein Intelligenztest mißt“ – genau, und Interessantheit und Attraktivität sind das, was Leute auf Dating-Plattformen aneinander suchen).

Wenn die Daten und das Auswertungsprogramm öffentlich sind, kann jeder selbst die Ergebnisse nachvollziehen und eigene, modifizierte Hypothesen prüfen.

(via @plomlompom)

Arbeit lohnt sich nicht

In einem haben diejenigen, die mit „Arbeit muss sich wieder lohnen“ gegen den Sozialstaat wettern, sogar recht: Der Grenznutzen harter Arbeit ist tatsächlich miserabel. Unrecht haben sie mit ihrer Forderung.

Sondern andersrum: Jede zusätzliche Stunde nicht-selbstbestimmter Lebenszeit pro Woche ist erheblich nerviger als die Stunde davor. Man braucht aber jeden zusätzlichen Euro pro Woche weniger dringend als den Euro davor. Für viele Menschen wäre es daher ökonomisch sinnvoll, weniger zu arbeiten. Und da ist die Steuer- und Sozialabgabenprogression, auf die sich die „muss-sich-wieder“-Fraktion eingeschossen hat, noch gar nicht berücksichtigt: Durch sie wird das Argument nur verstärkt. Es gilt aber auch ohne.

Dass die Arbeitswelt trotzdem so aussieht, wie sie aussieht, kann ich mir nur so erklären, dass die meisten Menschen (inklusive mir) nicht nur so viel arbeiten, wie sie eben wollen oder müssen, sondern so viel, wie man „nunmal üblicherweise“ arbeitet. Vielleicht werden sich demnächst mehr von uns Leuten entschließen, post-traditional und stattdessen ökonomisch vernünftig zu handeln und nur noch halbtags zu arbeiten.

Wenn genug auf einmal auf die Idee kommen, werden auch die Arbeitskraft-Abnehmer ihre Vorbehalte dagegen nicht weiter durchsetzen können und entsprechende Stellen anbieten müssen. Wenn genug Menschen in geeigneten Branchen (nicht Krankenversorgung oder Brückenbau) gar keinen Bock mehr auf Normalarbeitsverhältnisse haben und stattdessen Freiberuflichkeit oder befristete Jobs nicht mehr als prekär schelten, sondern frei wählen, werden die sogar gar nicht mehr gefragt.

Das Video im Zeitalter der technischen Austauschbarkeit seines Mediums

Ist eigentlich allen klar, dass wir uns bald ganz selbstverständlich zum „Blu-Ray-Abend“ verabreden werden? Oder kriegt man das hin, weiter „Video“ zu sagen? Ich glaube, ich sage auch im Moment schon niemals „DVD-Abend“. Man hat vorher ja auch nicht „VHS-Abend“ gesagt. Nennt jemand sein MP3-Verzeichnis seine Plattensammlung? Ich finde, man könnte.

Schöner schimpfen

Ich empfehle heute einen Artikel, der meinen Wortschatz um den hinreißenden Ausdruck „postmoderner Allesversteher“ bereichert hat.

Gute Miene

Ich bin erkältet. Mein Arbeitskollege hat mir extra aus der Apotheke eine Packung anthroposophische Schüsslersalz-Globuli mitgebracht, und ich hätte ihn, glaube ich, wirklich verletzt, wenn ich die nicht artig eingesteckt hätte.

Schüsslersalze sind nicht das gleiche wie Kräuterhausmittel, die traditionell gegeben werden und vielleicht ein bißchen helfen, sondern sie sind ein Regenzauber, die Idee eines schrulligen Gesundbeters, die über die Arzneimittelzulassungs-Extrawurst in die Apotheken gekommen ist, welche in Deutschland speziell für die Anthroposophen skandalöserweise gebraten wird. Die einzige Tradition, in der das Zeug steht, ist die okkultistische.

Ich bin dann verlegen. Es geht nicht darum, dass ich nicht an das Zeug glaube. Nicht glauben tue ich unter anderem, in unterschiedlichen Graden der Überzeugung,

  • daß das Betrachten nackter Menschen jemanden in seiner Jugend gefährden kann,
  • daß es gerade aus dem Grund schädlich ist, die Deutsche Bahn zu privatisieren, weil sie eine wichtige Rolle als öffentlicher Beschäftigungsträger spielt,
  • daß Schwulsein eher eine Angewohnheit oder gar ein begriffliches Mißverständnis ist als eine reale, stabile Eigenschaft einer Person,
  • daß es in Brandenburg deswegen so viele Neonazis gibt, weil man in DDR-Kindergärten gemeinsam aufs Töpfchen ging,
  • daß eine Person mit durchschnittlichem Einkommen irgendeinen Nutzen von der Inanspruchnahme eines Finanzberaters hat.

Das ist etwas ganz anderes.

Es geht auch nicht darum, daß ich Personen, die ich für abergläubisch halte, geringschätzen würde. Das ist nicht der Fall.

Es geht darum, daß ich befürchte, daß diese Menschen ihren Glauben an Schüsslersalze für edler halten als, sagen wir, Nina Hagens Glauben an die Macht der Sternzeichen. Und daß sie verletzt wären, wenn sie so ganz deutlich erführen, daß ich das nicht so sehe.

„Danke, ich werd’s mir zuhause mal einfahren.“

Meine Hauswartin ist eine Rassistin

Die haben im 2. Stock Zahnpasta an die Tür geschmiert. Gucken Sie sich das mal an, das hat richtig Ränder gegeben. Muß neu gestrichen werden. Schrecklich sowas. Türkenkinder waren das.

Ich habe die Kinder gesehen, und es waren in der Tat soetwas wie „Türkenkinder“. Meine Güte, wir sind in Neukölln. Die fahren die Kinder nicht extra zu Halloween mit dem Bus aus Charlottenburg ein. Trotzdem widerstrebt es mir, jemanden allein wegen einer Aussage zu verurteilen, die nunmal inhaltlich ungefähr stimmt.

Also habe ich nochmal nachgefragt. Ob nicht vielleicht auch ein oder zwei deutsche Kinder zumindest theoretisch hätten dabei gewesen sein können.

Nein, nein, das waren Türkenkinder. Deutsche Kinder machen sowas nicht. Das machen nur die Ausländerkinder.

Und dafür hätte sie natürlich verdient, ganz etwas anderes ganz woanders hin geschmiert zu bekommen. Kann ich die Miete mindern?

Je teurer desto plazebo

Ein Argument, warum Krankenkassen nicht die Kosten für Homöopathie, Weleda und Akupunktur, aber auch nicht für Aspirin übernehmen sollten: Es scheint heilsam zu sein, für Medikamente Geld auszugeben.

Was war nochmal prekär?

Der Stressfaktor meldet für heute eine oberbaumbrückenhafte Wasser-Gemüse-Schlacht an der Kreuzberg-Neukölln-Grenze. Die politische Begründung offenbart tiefe, tiefe Verwirrung. Obwohl sie natürlich selbstironisch und das ganze eine Spaßaktion ist, das habe ich schon verstanden.

Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Prekarier_innen und Arbeitslosen bevölkerter Stadtteil hört nicht auf der Gentrifizierung Widerstand zu leisten.

Friedrichshain und Prenzlauer Berg sind bereits yuppisiert, Kreuzberg ist auf dem besten Weg dorthin. Die Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen, die gerade auf die Schlesische Straße gezogen sind, schielen nun nach Nordneukölln, weil sie dort ihre kleinen trendigen Boutiquen eröffnen wollen. Auf der Weserstraße wurden bereits vereinzelt brunchende Werbetexter gesichtet, die an ihrem Prosecco nippten.

Kreuzberger Designer und Werbetexter sollen also die Klassenfeinde des Prekariats sein? Leute: Die meisten Kreuzberger Designer und Werbetexter gehören zum Prekariat.

Ich erinnere mich noch genau. Vor ein paar Jahren habt ihr erst versucht, diesem Milieu klarzumachen, dass es eine Klasse namens Prekariat sei: Unterdurchschnittliches Einkommen. Nebenjobs. „Geringfügige Beschäftigung“ oder formale Selbständigkeit, dadurch Abkopplung von den sozialen Sicherungssystemen bei gleichzeitiger massiver Abhängigkeit von einem oder wenigen Auftraggebern oder der wirtschaftlichen Kleinwetterlage. Daher: Radikaler Arbeitskampf im Callcenter. Selbständigkeit ist Selbstausbeutung.

Das Prinzip „Sonntagsbrunch im Café“ habe ich etwa zur gleichen Zeit von einem einkommenlosen friedrichshainer Kommunisten und Hausprojektbewohner kennengelernt. Es galt damals nicht als yuppiehaft, sondern als Abhängen.

Kaum sechs Jahre später bezeichnet ihr plötzlich euch selbst als Prekariat, das Prekariat als Yuppies, und nicht frühstücken zu gehen soll als Distinktionsmerkmal nach unten taugen. Merkt ihr selber, oder?

Uns ist schon klar, dass wir zum Teil auch selbst mit für die Gentrifizierung verantwortlich sind. Darüber wird ja auch viel disktutiert und…

Gut! Aber dann hört bitte, bitte mit diesem Freund-Feind-Ding auf, auch im Spaß. Nochmal: Der Milieu-Unterschied zwischen Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen vom Schlesischen Tor und sojawurstmampfenden Soziologiestudenten aus der Friedelstraße ist minimal, wenn überhaupt! Wahrscheinlich jobben sogar beide im gleichen Callcenter.

Ihr macht euch was vor. Und wisst ihr auch, warum? Weil ihr beleidigt darüber seid, dass der Großteil des Prekariats, das ihr zu repräsentieren behauptet, damals wie heute, in der Neuköllner wie der Kreuzberger Variante einfach nicht linksradikal werden will. Das ist alles.

PS: In den Verlautbarungen der geschmähten Szene („The Definitive Guide for the Mobile Generation“) wird die angekündigte Aktion erwartungsgemäß total kultig und szenemäßig gefunden.