Archiv für Oktober 2006

Dittsche grüßt aus Schleswig-Holstein

Ich entschuldige mich für die längere Abwesenheit, und zwar damit, daß ich zunächst verreist war und nun im Norden mit gemischtem Erfolg eine gemischte SchülerInnen-Gruppe naturwissenschaftlich zu bespaßen versuche.

Kinder aufmerksam zu halten ist unheimlich anstrengend und nervenaufreibend. Das sollte nicht unterschätzen, wer Lehrer ihrer berufsstandstypischen Macken zeiht. Wenn ich mir gleich überlegt haben werde, wie ich die Sache morgen zuende bringe, werde ich mich unter Zuhilfenahme zweier Baldriantabletten betten und ebenso liegen.

Ich empfehle sehr das Spiegel-Online-Interview mit Olli Dittrich.

Demo am Rande des Jerusalem World Pride

Es geht eigentlich wieder nur um Technik: Funktioniert die flickr-Anbindung?
Das Bild finde ich aber auch ganz hübsch.

Einfach bargeldlos einkaufen

Eines der spießigsten und überflüssigsten Dinge, die ich in letzter Zeit getan habe war, der Rückseite einer fremden EC-Karte zu gehorchen: „Wenn Sie diese Karte gefunden haben, schicken Sie sie bitte an die Postbank“. Das hat mich immerhin eine Briefmarke, einen Umschlag und einen Gang zum Briefkasten gekostet.

Eigentlich gibt es für Banken keinen Grund, ihre EC-Karten wiederhaben zu wollen. Eine Karte, die sich einmal in unklarem Besitz befand, wird grundsätzlich nicht weiterverwendet, denn jemand könnte sie dupliziert haben. Stattdessen wird sie von der Bank gesperrt und durch eine frische Karte ersetzt. Die Bank könnte also genausogut draufschreiben: „Wenn Sie diese Karte gefunden haben, werfen Sie sie bitte in den Mülleimer, anstatt zu versuchen, damit einzukaufen.“

Genau das könnte man nämlich tun, bekanntlich auch ohne die Geheimzahl zu kennen. Die wunderbare, viel zu selten zitierte Website zahlungsverkehrsfragen.de erklärt – neben vielem anderen – ausführlich, allgemeinverständlich und trotzdem informatikerfest, was beim „Zahlen per Karte und Unterschrift“ eigentlich genau passiert:

Da auch das POZ [ein Verfahren, bei dem zwar nicht die Geheimzahl abgefragt, aber immerhin noch online geprüft wird, ob die Karte gesperrt ist, M.] mit seinen Telefonkosten und den 5 Cent für die Sperrdateiabfrage einigen Händlern noch zu teuer ist, wird dort das „Elektronische Lastschrift Verfahren“ genutzt. Dieses Verfahren wird von den Banken nicht offiziell unterstützt bzw. gerne gehaßt. Das ELV-Verfahren verzichtet komplett auf eine Prüfung der Sperrdatei der Banken. Bei größeren Handels-Ketten wird oftmal eine hausinterne Sperrdatei von Karten geführt, bei denen schon einmal Zahlungsprobleme auftraten. Bei diesem Verfahren wird aus den Bankdaten des Magnetstreifens die Bankleitzahl und die Kontonummer ausgelesen und eine ganz normale Lastschrift mit Einzugsermächtigung (die der Kunde mit seiner Unterschrift erteilt) erzeugt.
Hierbei spart der Händler zwar Systemkosten, bleibt aber auf dem Betrugsrisiko und dem Zahlungsausfall-Risiko sitzen, da unbemerkt auch gesperrte und gestohlene Karten eingesetzt werden können. Auch hier kann der Kunde oder die bezogene Bank die Lastschrift zurückgeben.

Ich habe noch nichtmal ein „Dankeschön“ von der Postbank bekommen, dabei habe ich ihr einiges erspart: Jede Menge Haftungsrisiko oder zumindest einen geprellten Kunden, je nachdem, ob ein Geheimzahlcracker oder nur ein eifriger Einkäufer sie stattdessen gefunden hätte.

Die nächste gefundene Karte stecke ich in eine Klarsichthülle, zusammen mit ein paar kundenfreundlichen Informationen, und verliere sie wieder, und zwar in der Nähe vom Kaiser’s am Kottbusser Tor.

Was tun gegen Nazis auf Usedom?

Die NPD gewinnt im Nordosten an Boden und gefährdet den Urlaubsstandort, denn Nazis sind häßlich. Lösungsvorschläge sind gefragt. Kunigunde meint, eine engere Beschränkung der Zuwanderung sei ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die Rolle der Rechtschreibreform sollte man dabei nicht unterschätzen.

Seufz.

Am Tag der Deutschen Einheit


Denk ich an Deutschland auf dem Klo,
Geht mir das nicht immer so.

Ich muß mal was für mein Image tun

Oder warum glaubt das Googlesche Reklameprogramm, meine Leserschaft würde sich für Reiki und Schutzengel interessieren? Muß ich erst behaupten, soetwas wie Leben gäbe es gar nicht? Mache ich gerade einen Fehler, weil die Wiederholung dieser beiden Wörter das ganze noch reinforcet, wie wir Informatiker sagen?

Gegen normativen Kulturismus

Wir Menschen sind Säugetiere, die sich geschlechtlich fortpflanzen. Außerdem sind wir Personen, die in Gesellschaften zusammenleben. Eine Theorie über Menschen muß, wenn sie eine gewisse Aussagekraft erreichen will, mindestens diese beiden Systemebenen umspannen und auch etwas über die Schnittstelle zwischen diesen Ebenen zu sagen haben. Ansonsten ist sie verkürzt.

Verkürzte Theorien, die nur die biotische Ebene betrachten, nennt man biologistisch. Man sollte sie zurückzuweisen, und vor allem Linke tun das gerne und entschlossen und mit Recht. Besonders leicht zurückzuweisen sind sie, sobald in ihnen irgendwelche Bewertungen menschlichen Verhaltens vorkommen. Dann begehen sie nämlich eine spezielle Form des sogenannten naturalistischen Fehlschlusses: Sie behaupten, aus der Tatsache, daß sich das und das menschliche Merkmal evolutionsbiologisch am besten so und so erklären läßt, ergäbe sich das Recht oder die Pflicht, sich auf diese oder jene Weise zu verhalten. Diese Argumentation nennt man manchmal leider auch darwinistisch. (Darwin hat sie nie verwendet.) Die Rassenlehre der Nazis1 und jede Bewertung von Homosexualität mit Verweis auf ihre „Unnatürlichkeit“ sind typische Beispiele für solchen normativen Biologismus.

Verkürzte Theorien, die nur die kulturelle Ebene betrachten, nennt man leider noch nicht sehr oft kulturistisch. Michael Schmidt-Salomon führt diesen Begriff in seinem Essay „Auf dem Weg zu einer Einheit des Wissens“ folgendermaßen ein:

Ich fasse unter dem Begriff „theoretischer Kulturismus“ all jene Weltdeutungsmuster, die menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Zusammenhänge wesentlich über kulturelle Faktoren zu erklären versuchen, ohne dabei die fundamentalen biologischen Gesetzmäßigkeiten (die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, der Genetik und Hirnforschung etc.) in angemessener Weise zu berücksichtigen. Der „normative Kulturismus“ zeichnet sich dadurch aus, dass er aus solchen kulturistischen Interpretationen politische Sollenssätze ableitet. Normativ kulturistisch sind beispielsweise gesellschaftspolitische Programme, die den Menschen (als Spezies wie als Individuum) als „beliebig formbar“ begreifen (also die biologischen Eigenarten unserer Spezies und auch die biologischen Unterschiede zwischen den Individuen, etwa unterschiedliche Begabungen, unzulässig ausblenden). Normativer Kulturismus zeigt sich auch in der diffamierenden Abwehr gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, die dem vorherrschenden weltanschaulichen Ideologiesystem widersprechen. (Beispiele für diese Denkungsart des „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ sind u.a. die Ablehnung des kopernikanischen Weltbildes oder der Evolutionstheorie durch die Offenbarungsreligionen oder die zeitweise Verbannung der Relativitätstheorie aus dem Kanon der marxistisch-leninistischen Wissenschaften.)

Ich habe gerade einmal wieder das Manifest der A. G. Gender-Killer gelesen, für mich das Paradebeispiel für einen schlechten politischen Text und seit heute auch das Paradebeispiel für normativen Kulturismus. Obwohl wir, glaube ich, keine politischen Gegner sind.

Nun ist dekonstruktivistischer Feminismus sicherlich nicht das „vorherrschende weltanschauliche Ideologiesystem“. Aber diffamierende Abwehr wissenschaftlicher Erkenntnisse findet sich in diesem Text in rauhen Mengen. Insbesondere werden biologische Erkenntnisse überhaupt nicht betrachtet, mit der Begründung, daß sich mit ihrer Hilfe der gesellschaftliche status quo rechtfertigen ließe. Das ist aber ein Fehler, denn durch unschlüssige Argumente läßt sich alles mit allem rechtfertigen. Daß es schlechte biologische Argumente für die Rassenlehre gibt, spricht nicht gegen die Humanbiologie. Oder noch deutlicher: Daß homophobe Diskriminierung nicht wünschenswert ist, bedeutet nicht, daß der Mensch kein Säugetier ist, das sich geschlechtlich fortpflanzt.

Es ist arrogant und ignorant, im 21. Jahrhundert davon auszugehen, daß man über Sexualität irgendetwas Gehaltvolles sagen könne, ohne sich für Biologie zu interessieren. Besonders ärgerlich ist es, daß es in Texten dieses Genres üblich ist, mögliche Einfallstore für wissenschaftliche Argumente auf gleich zwei Arten zu verschließen. Erstens, indem angedeutet wird, für steile Thesen auch wissenschaftliche Argumente oder empirische Belege zu fordern, sei tendenziell rechts. Zweitens, indem die Lücke, die dadurch natürlich klafft, durch den Gebrauch besonders obskurer Sprache vernebelt wird. Gerechtfertigt mit dem albernen Argument, die Welt sei eben so komplex.

Ich möchte, daß diese Art, Theorie zu betreiben, beargwöhnt wird und daß in der Linken begriffen wird, daß Judith Butler ungefähr so seriös ist wie Rudolf Steiner.

  1. Die Rassenlehre der Nazis hat im übrigen natürlich noch zwei Besonderheiten: Erstens, daß sie die verheerendsten Auswirkungen hatte. Zweitens, daß sie schon hinsichtlich ihres biologischen Anteils Käse ist und es sich dabei außerdem noch um einen typischen Fall von Pseudowissenschaft handelt. Jeder weiß das, aber ich will es der Vollständigkeit halber klarstellen. [zurück]