Archiv für Januar 2007

Komplizierter Schmadder

Das ist jetzt mal valide Hirnforschungskritik, von der Riesenmaschine, hauptsächlich aber Hirnforschungspopularisierungskritik:

Die schiere Beliebigkeit der Belegungen zeigt schon, dass hier wie in der Medizin nur die Ratlosigkeit hinter kompliziertem Zeug versteckt wird, dass also die Hirnforschung an galoppierendem Metaphernsyndrom leidet.

Tetens über Kant bei Amazon

Ein kleines Update zu neulich: Ich bin der Meinung, man kann mithilfe dieses kleinen Buches doch ganz gut zeigen, daß Immanuel Kant nicht der Ansicht war, „dass der Verstand nur das erkennt, was er von vorneherein schon in die Erkenntnis hineinlegt“. Noch nicht mal ein ganz kleines Bißchen. Auch, wenn man kein Experte ist.

Kants \

Natürlich will ich in Wirklichkeit nur mal wieder ein Spielzeug ausprobieren, nämlich das Amazon-Link-Einfüge-Tool.

Mensch-Fahrkartenautomat-Interaktion

Angenommen, Du stehst in Berlin an der U-Bahn, an einem Fahrkartenautomaten. Touchscreen. Menüführung.

Du hast eine Abonnement-Karte oder Tageskarte für Berlin, möchtest aber nach Potsdam. Du weißt, daß Du keine ganze Fahrkarte bezahlen mußt, sondern daß es eine Anschlußkarte gibt, die Du nachkaufen kannst, um bis Potsdam zu fahren.

Fahrkartenautomat, wie gesagt, Touchscreen. Du drückst „Weitere Fahrscheine…“, Pfeil nach unten, aha, „Anschlußfahrschein“.

Kommt eine Landkarte von Berlin und Brandenburg. Die Städte Frankfurt, Cottbus, Brandenburg, Berlin und Potsdam kann man drücken.

Welche Stadt würdest Du drücken?

Welche mußt Du aber eigentlich drücken, um den richtigen Fahrschein zu bekommen?

Warum?

Diplom-Neoprämodernismus

Offenbar dank zweier grandioser Fehlbesetzungen kann man an der Kasseler Gesamthochschule mittlerweile Rudolf-Steiner-Landwirtschaft studieren („Erleuchtung durch die Gurke“, Der Spiegel 47/2006).

Das wäre kein besonders großes Problem, wenn es dort nur darum ginge, dem Vergraben von Stierhörnern und der Beachtung von Mondphasen im Ackerbau ihre empirische Chance zu geben. Gegen die Verwendung von Mist als Dünger hat sicherlich niemand etwas einzuwenden. Problematisch wird es, wenn man in einer ernst gemeinten Arbeit der angewandten Wissenschaft („Gesichtspunkte zum Rind“) einen Menschen zu Worte kommen läßt, der bekanntlich seine Fachkenntnis nach eigenen Angaben ausschließlich durch Offenbarung erworben hat (und so hört sich das auch an):

Das Rind … Sein Dünger hat eine Qualität, die nach STEINER „noch die Ich-Anlage“ enthält (1924: 201) und „die wiederum […] die Pflanzen in der richtigen Weise in der Richtung der Schwerkraft wachsen“ lässt (1924: 202).

Man beschäftigt sich dort außerdem mit Gespenstern. Es geht dabei nicht etwa um Mythenforschung, also darum, was Menschen sich unter Gespenstern vorstellen. Nein, Forschungsgegenstand sind die Gespenster selbst. Ohnehin wird in der Arbeit nach übrigens typisch postmoderner Art ständig zwischen Mythos und Realität gewechselt, ohne das sprachlich deutlich zu machen — das könnte man noch als eher formales Problem ansehen, ohne unbedingt darauf zu schließen, der Autor sei selbst geistergläubig. Die mangelnde Distanz wiegt aber angesichts dieser Auskunft ziemlich schwer:

Bereits seit meiner Kindheit ist mir die Erfahrung von Begegnungen mit nächtlichen, nicht menschlichen Wesen vertraut. Mit dieser Arbeit möchte ich mir einen neuen Zugang zu diesem Bereich erarbeiten.

Das Tragische daran ist, daß man diesen Fall jetzt immer vor Augen haben muß, wenn man studentischerseits fordert, Professuren mit Vertretern auch mal etwas abseitiger Forschungsprogamme zu besetzen. Denn:

Was hat die Universität Kassel dazu gebracht, die Verehrer Steiners und ihre Geschäfte aufzuwerten? […] Der Druck beziehungsweise Wunsch einiger Studenten? Wenn ja, wäre das ein weiterer Skandal: Es ist die Aufgabe einer Universität, ihren Studenten den Unterschied zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und Esoterik beizubringen, und nicht umgekehrt. Die Universität hat nicht die versponnenen Ansichten einiger Studenten zu übernehmen. Wenn sie das doch tut, verspielt sie ihre Existenzberechtigung.

via Linkskurve

Zweimal Dekonstruktion mit dem lieben Gott

Gleich zweimal will mir heute jemand Kontroverses auftischen und mit einer Art Mischung aus Psychoanalyse und Theologie schmackhaft machen.

Eine kürzlich verstorbene Professorin für Kulturkram bringt in einem älteren Telepolis-Interview erst eine interessante Analogie zwischen Hirnforschung und biblischem Freiem Willen, dann aber leider ein ganz, ganz, ganz, ganz schlechtes Argument a priori, warum wir nie herausbekommen können, wie das Gehirn denkt. Man kann fast selbst drauf kommen. Na? Weil wir das ja nur durch… Denken herausbekommen könnten, und das kann ja nicht gehen. Warum nicht? Weil damit schon „vorausgesetzt“ wird, was gerade erst erkundet werden soll. Und die Wissenschaftler, bar auch nur der geringsten Dosis Erkenntnistheorie, wie sie das aus Kritischer Sicht ja so an sich haben, wollen einfach nicht einsehen, daß das doch offensichtlich nicht gehen kann.

Viel amüsanter: Ein skeptischer Lebensmittelchemiker, der das Überhandnehmen von Ernährungsmodetorheiten mit sublimierter protestantischer Verzichtsethik erklärt und dann einen schön naturalistischen Schwenk vollführt: Super!

Eigentlich geht es zurück bis in die Anfänge unseres Stoffwechsels: Das menschliche Gehirn ist evolutionsbiologisch eine Ausstülpung des Darms.

Referer-Rezension

Unter den bislang wenigen SurferInnen, die diesen Blog besuchen, ohne von mir persönlich dazu aufgefordert zu werden, habe ich eine Lieblingsgruppe, und sie ist relativ groß: Es sind diejenigen, die glauben, man schreibe „Klitoris“ normalerweise mit ‚e‘. Sie haben oft Fragen („Google: wo ist die klitores“) und denken, ausgerechnet hier werde ihnen kompetent geholfen.

Der Kollege Lysis hat meiner Webseite mit dieser wundervollen, nicht sehr gebräuchlichen und natürlich völlig korrekten Pluralform zu einem echten Alleinstellungsmerkmal verholfen. Es gibt eben Dinge, über die der Mainstream hauptsächlich im Singular diskutiert.

Vielleicht war doch nicht ausgerechnet dies der richtige Beitrag, um mit dem Binnen-I anzufangen.