Archiv für März 2007

Anruf-Info per SMS

Ich telefoniere wahnsinnig selten und war der letzte Mensch, der noch kein Handy hatte. Die letzten anderthalb Jahre hatte ich zumindest eine Prepaid-Karte. Jetzt habe ich „Genion S“, das heißt, ich zahle keine Grundgebühr, habe trotzdem eine „Homezone“ und also eine Pseudofestnetznummer. Das ist ganz gut, ich will nämlich in Zeiten einzeln erhältlicher DSL-Leitungen meinen Festnetzanschluß nicht mehr.

Bei O2 bekommt man eine SMS, wenn man einen Anruf verpaßt. Das bekommt der Anrufer per Ansage mitgeteilt, und diese Ansage kostet Geld (das Netz „nimmt ab“). Das will ich nicht, denn ich halte es für die übliche Umgangsform und den bewahrenswerten status quo ante Anrufbeantworter, daß ein Anruf nichts kostet, es sei denn, der Angerufene geht ans Telefon. Deswegen habe ich diese Funktion gerade abschalten lassen. Vorher habe ich aber noch etwas ausprobiert.

Man könnte ja denken, vielleicht ist diese Ansage nicht reine Geldmacherei, sondern vielleicht auch technisch bedingt, weil das System, was die SMS verschickt, so gebaut ist, daß es ersteinmal abnehmen muß oder irgendetwas dergleichen. Nichts da. Es geht offensichtlich auch ohne.

Drei verschiedene Arten, nicht ans Telefon zu gehen, drei verschiedene Ergebnisse.

  • Handy aus: kostenpflichtige Ansage, SMS kommt.
  • Gehe nicht ans Telefon: kostenfreie Ansage („..geht nicht ans Telefon“), keine SMS kommt. Warum? Weil die meisten Handys einen im angeschalteten Zustand verpaßten Anruf selbst anzeigen können? Nein, denn:
  • Handy klingelt, drücke auf „Anruf ablehnen“: Besetzton kommt, SMS kommt.

Fall drei ist aus zwei Gründen drollig. Erstens braucht man die SMS in dem Fall am wenigsten (man hat den Anruf mit eigenen Augen gesehen). Zweitens beweist er, daß es technisch durchaus möglich ist, die Benachrichtigungs-SMS auf den kostenlosen Besetzton zu verschicken.

Ja, ich bin ein Nerd.

IK2007: Embodied Minds

Ich komme gerade von einer Tagung wieder, und das war das Inspirierendste und Abgefahrenste, was ich seit Ewigkeiten gemacht habe. Eine Woche Hirnforschung, Neuroinformatik, Künstliche Intelligenz und Philosophie. Mit Unterbringung im Sauerland an einem See.

Der Psychiater Manfred Spitzer gibt eine Einführung in Neurobiologie und meint, daß wir Lernen und Informationsorganisation im Gehirn sehr bald (5 Jahre) zumindest so gut verstehen werden, daß wir Lern-Boost-Tabletten haben werden:

Wir werden aber sehen müssen, was das für Auswirkungen hat. Vielleicht können Sie nach China fliegen und mit medikamentöser Hilfe in 8 Wochen chinesisch lernen. Dann dürfen Sie sich aber vielleicht nicht wundern, wenn Sie kein Deutsch mehr können, wenn Sie nach Hause kommen.

Er meint weiter, daß im Moment alles danach aussehe, als seien im erwachsenen Gehirn sehr wohl einzelne Strukturelemente für einzelne Begriffe zuständig, d.h. das, was man in den 70ern als „Großmutter-Neuronen“ veräppelt hat, gebe es anscheinend tatsächlich. Er verweist auf Leonardo Fogassi, einen der Mitentdecker des Mirror Neuron Systems, der auch einen Vortrag hält. Der ist mir aber zu technisch, ich verstehe nichts. Außerdem ist sein Akzent sehr anstrengend.

Der Philosoph Thomas Metzinger spricht über „Verkörperung und Entkörperung: Begriffliche Grundlagen und Fallstudien“. Gleich am Anfang wird eins klargestellt:

Der Titel dieser Veranstaltung erinnert natürlich an etwas. Wer von euch hat von postmoderner Philosophie gehört? Nein, da seid ihr wahrscheinlich zu jung für, das war eher in den 70ern. Ich habe das damals gemieden, wie die Pest, und allen erzählt, das werde schon vorbeigehen. Begriffe wie Verkörperung und Entkörperung sind aber geblieben und deswegen muß man sich damit wohl beschäftigen und schauen, ob man etwas weniger Wirres daraus machen kann.

Er betont, daß das „verkörperte Selbst“ kein Ding ist und auch keine Eigenschaft, sondern der Vorgang, in dem verschiedene Nervensysteme gemeinsam ein „transparentes Selbst-Modell“ vorhalten. Er unterscheidet drei Stufen von „embodiment“, die sich in der Rolle unterscheiden, die das innere Modell von der eigenen räumlichen Ausdehnung jeweils spielt, und die Robotern, einfachen Tieren, Affen und Menschen in verschiedenen Geisteszuständen jeweils zukommen oder nicht.

Er interpretiert auch die Studie des Neurologen Olaf Blanke, der am Vorabend nach dem Abendessen über Out-Of-Body-Experiences gesprochen hatte. Der meint, es wird kulturübergreifend immer wieder übereinstimmend von einem ganz bestimmten Erlebnis gesprochen, nämlich einige Meter über dem eigenen liegenden Körper zu schweben und auf den hinuntergucken zu können. Variabel seien daran nur „esoterische Konfabulationen“, wie silberne Schnüre zwischen Astral- und richtigem Körper und dergleichen. Er hat eine Patientin mit einer Elektrode im Kopf, bei der er dieses Erlebnis reproduzierbar und im völligen Wachzustand durch Stimulation auslösen kann. Er geht davon aus, daß man an diesen Fällen studieren kann, was „das-Gefühl-haben-einen-Körper-zu-haben“ genau ist und wie man es beeinflussen kann. Das hat natürlich neben philosophischen auch praktische Implikationen, z.B. beim Prothesenbauen. Metzinger meint, die Out-Of-Body-Experience sei die historische Ursache der Vorstellung einer Seele.

Umgehauen hat mich ein älteres Experiment, das der Kognitionsforscher Gerhard Strube erläutert: Probanden bekommen dreidimensionale Tetrissteine a, b, c gezeigt, und einen weiteren Stein, der entweder a, b oder c ist, aber im Raum verdreht. Sie sollen sagen, ob es sich um a, b oder c handelt. Es geht nun nicht darum, ob sie es schaffen oder nicht (es ist einfach, man muß nur ein paar Sekunden hinschauen), sondern darum, wie lange sie brauchen, um richtig zu antworten. Abgefahren: Die Dauer ist haargenau linear zum Rotationswinkel im Raum! Deutung: Das Gehirn hat analoge (!!) Repräsentationen räumlicher Gegenstände, die als Prozess (!!) im Gehirn gedreht (!!) werden, um sie zu vergleichen, und zwar mit einer bestimmten Geschwindigkeit (!!!!!). Ich dachte, ich spinne.

Wenn ich versuche, soetwas wie eine Haltung festzustellen, die sich von der allgemeinintelektuellen unterscheidet, dann würde ich sagen: Niemand scheint an die Sapir-Whorf-Hypothese („Unsere Sprache bestimmt ganz wesentlich, was wir denken können und was nicht“) zu glauben, im Gegenteil, es scheint eher Mehrheitstendenz zu sein, daß man Sprache gar nicht zwangsläufig braucht, um denken zu können. Denken, Lernen und Wahrnehmen funktionieren tendenziell so, wie man sich das naiv vorstellt: Über Assoziation, Anpassung, Analogiebildung. Natürlich muß alles, was man behauptet, letztlich in evolutionärem Rahmen erklärt werden. Der Mensch als „unbeschriebenes Blatt“ scheint empirisch dermaßen widerlegt, daß diese Vorstellung gar nicht direkt zur Sprache kommt.

Bekackte Amateure

Nobody fucks with the Jesus.

Klimaschutz kompakt

Ich habe gerade die Zeitschrift meines Berufsverbandes bekommen. Informatiker scheinen sich regelmäßig ganz besondere Sorgen um die Umwelt zu machen und damit auch an den Verlag heranzutreten, jedenfalls steht ganz dick auf dem Versandetikett der in Plastikfolie eingeschweißten Zeitschrift folgender etwas genervter Text (hervorhebungen von mir):

Diese Folie (Polyethylen) hat keine umweltschädigende Wirkung, ist recyclingfähig, erfordert bei der Produktion keinen höheren Energieeinsatz als Recyclingpapier, ist auf der Müllhalde grundwasserneutral und bei der Müllverbrennung völlig unschädlich. Diese nicht toxische Folie hilft Kosten sparen, sie schützt [die] hochwertige Zeitschrift vor Beschädigungen.

Einstweiliges Bekenntnis 1

Wünschelrutengehen ist Unfug. Astrologie ist Unfug. Erdstrahlen sind Unfug. UFOs sind Unfug. Hexen sind Unfug. Wurzelrassen sind Unfug. Homöopathie und Anthroposophie sind Unfug. Auch der liebe Gott ist Unfug. Es gibt ihn nicht. Man sollte deswegen nicht jedem religiösen Menschen unterstellen, an den Nikolaus zu glauben: Wo man Fragen unter Beibehaltung des Sinns aus dem religiösen Diskurs in den modernen übersetzen kann, ist die Verkehrssprache vielleicht nicht so wichtig. Daß Gott aber jedenfalls nicht in der Erfahrungswelt herumspukt und man ihn deswegen in ihr nicht finden kann, also auch nicht suchen muß, darauf sollte man hin und wieder bestehen.