Archiv für April 2008

Untertreibung des Tages

Der „Beruf und Karriere“-Teil der Berliner Zeitung hat heute allen Ernstes einen ganzseitigen Artikel über Astrologie im Zusammenhang mit der Berufswahl. Der Artikel selbst hält zwar einige skeptische Distanz zum besprochenen sterndeutenden Diplom-Psychologen. Im Info-Kasten heißt es aber:

[…] von vielen Naturwissenschaftlern wird die Aussagekraft von Horoskopen allerdings bezweifelt. Sie sagen, dass es keinen statistischen Beweis für die Annahmen gibt.

Richtig ist, daß die Aussagekraft von Horoskopen nicht nur von vielen Natur-, sonder von beinahe allen Überhauptwissenschaftlern nicht nur bezweifelt, sondern abgestritten wird. Und zwar nicht, weil es keinen statistischen Beweis für die Annahmen gibt, sondern weil der behauptete Mechanismus zwischen Sternen und Menschen völlig unplausibel ist, das gesellschaftliche und psychologische Phänomen „Pseudowissenschaft und Humbug“ dagegen allgegenwärtig und gut zu verstehen.

Nebenbei:

Allerdings räumt [der Astrologe] ein, dass die Astrologie zum naturwissenschaftlichen Weltbild im Widerspruch steht.

Man beachte auch hier die Betonung von „naturwissenschaftlich“. Gibt es eine Tendenz, die Geistes- und Sozialwissenschaft als Komplement im Sinne von Komplementärmedizin zur Naturwissenschaft zu betrachten? Psychologie als Homöopathie der Neurobiologie? Naturwissensschaftler als Ärzte, Geisteswissenschaftler als Heilpraktiker? Und die Rolle des Neurobiologen ist es, dem Psychologen zu erklären, daß Sonnenlicht-Globuli nicht wirken? Wenn ja, haben die so deklassierten Disziplinen ihr Scherflein zu diesem Eindruck beigetragen?

Heraus zum zweiten Mai!

Obwohl ich nicht werde da sein können, weil ich stattdessen in Süddeutschland herumgammeln werde, mache ich Werbung für die Demonstration zum zweiten Mai, dem internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen. „Für ein angemessenes Bürgergeld, gegen sinnlose Produkte“.

13:00 Uhr, Senefelderplatz

So schlecht, daß es immernoch schlecht ist

Ob der Spiegel deutschlehrerhaft und tendenziell antiamerikanisch rumspießert, wenn er fragwürdige Mitarbeiter-Bespaßungs-Videos aus dem Hause Microsoft als peinlich bezeichnet, oder ob er damit etwas Bemerkenswertes bemerkt.

Wer das „als Trash sieht“, wer also Konzernkultur ohnehin nur als Freakshow und Youtube-Futter wahrnimmt, hat es natürlich leicht, das einfach nur witzig zu finden. Wenn ein solches Werk aber erscheint, dann geschieht das im Rahmen eines Firmenmeetings, wo eine Abteilung dieses Video vorgesetzt bekommt und würdigen soll. Man darf nicht vergessen, daß die Autoren das ernst meinen, d.h. sie halten es tatsächlich für gelingende Selbstironie und glauben damit zu beweisen, „auch mal locker sein“ zu können. Dementsprechen gibt es also auch Leute, von denen bis zu einem gewissen Grad eine Identifikation mit diesem Kack erwartet wird.

Denen gebührt Solidarität in ihrem Leiden. Von daher ist „peinlich“ schon die richtige Feststellung.