Repression und Eskalation

Gestern abend wollte ich in die Köpi.

Achtung, achtung. Es folgt eine Durchsage der Polizei an alle Personen, die sich auf der Köpenicker Straße auf der Fahrbahn aufhalten. Bitte begeben Sie sich auf den Bürgersteig. […]

Ich gehe auf den Bürgersteig, genauer gesagt auf den Bürgersteig einer anderen Straße, 200 Meter weiter. Dort fährt die Staatsmacht gerade einen Lichtmast aus. Zwei Touristen, die eigentlich eine Lounge suchen, fragen mich, ob das hier „eher das Viertel ist, wo es öfter mal Krawall gibt“. Ich erkläre ihnen nach bestem Wissen die Vorgeschichte, und wir schauen gemeinsam zu.

„Ey, was glotzt ihr denn so? Is spannend, ne?“

Die Polizei wiederholt ihre Durchsage. Ich unterhalte mich weiter mit den Touristen. Dabei müssen wir wohl den Ernst der Lage verkannt und kurz gelächelt haben, denn:

„Mann, dit ist auch DEIN Staat! Ich find das nicht witzig oder so, mich macht das total wütend, diese Provokation! Ich seh nun echt nicht besonders links aus, ja, aber trotzdem…“

Nein, sieht sie nicht. Jetzt gerade sieht sie aus wie eine Person, die nicht bereit ist, irgendjemandem, der ihn erhebt, den Anspruch auf Repressionsopferstatus abzuerkennen. Und die dasselbe auch von anderen erwartet. Während sie noch redet, kommt schon die nächste Durchsage.

Wir bedanken uns für Ihre Kooperation. Wenn die Fahrbahn erneut besetzt wird, wird es aber zu weiteren polizeilichen Maßnahmen kommen.

Sie machen das Licht aus, fahren ihren Ständer runter und schieben ab.

Mein Gegenüber hat gar nicht gemerkt, was passiert ist. Nur ein Wort ist durchgedrungen: „Besetzt, vor allem. Als wenn die Straße besetzt gewesen wäre“. Ich erkläre, daß besetzt die gängige Bezeichnung für etwas ist, was man nicht benutzen kann, weil jemand darauf sitzt. „Ja, sowas kann man im Nachhinein immer konstruieren“. Eine Sekunde später sitzen alle wieder auf der Straße. Jemand fängt an, Pflastersteine auszugraben.

Gestern abend wurde in Berlin kurzfristig der Freiraum erkämpft, auf der Fahrbahn sitzen zu können statt auf dem Gehsteig.

Wie hat Stalin seinen Kalenderspruch gemeint, in Deutschland werde es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müßte?


6 Antworten auf “Repression und Eskalation”


  1. 1 Jan 02. Juni 2008 um 1:30 Uhr

    Und worum ging es jetzt? Oder blieb das unklar?

  2. 2 michael 02. Juni 2008 um 8:48 Uhr

    Wem?

    Mein aufrichtiger Eindruck war, daß die Polizei in diesem Fall durch Sitzen auf dem Gehsteig statt auf der Fahrbahn einstweilen zufriedenstellbar gewesen wäre. Und daß es im übrigen Gelegenheiten gibt, die sich unterschiedlich gut dafür eignen, die Polizei als die verblödeten, aggressiven Trottel vorzuführen, die sie unbestritten regelmäßig auch sind.

    Daß es dabei ums ganze gehen soll, ist eine Entscheidung, die man auch anders treffen kann.

  3. 3 Jan 02. Juni 2008 um 19:46 Uhr

    Klar, irgendwas nur deshalb zu tun um sich mit der Polizei anzulegen halte ich sowieso für bescheuert,es gibt schliesslich genug sinnvolle Anlässe wo der Ärger ganz von alleine kommt. Auf der Strasse sitzen zu dürfen gehört auch nicht zu meinen top Prioritäten wenn es um politische Ziele geht. Ich wollte nur wissen ob die Beteiligten noch irgend ein anderes Anliegen kommuniziert haben, oder ob die halt nur da rumsitzen wollten.

  4. 4 michael 02. Juni 2008 um 21:54 Uhr

    Ich bin jedenfalls nur so-und-so-oft bereit, auf indymedia und stressfaktor Schilderungen von Angriffen zu lesen und von Polizeiberichten, die dreiste Lügen seien, wenn ich aber daneben stand und ziemlich genau das gesehen habe, was im Polizeibericht steht.

    Ich möchte nämlich auch weiterhin erstmal daran glauben, wenn Leute mir erzählen, sie hätten von der Polizei unprovoziert die Bude demoliert bekommen. Ich muß sagen, daß mich das gerade etwas beschäftigt.

  5. 5 Jan 02. Juni 2008 um 22:03 Uhr

    Understanding is a three edged sword.

    -Ambassador Kosh

  6. 6 michael 02. Juni 2008 um 22:28 Uhr

    Großartig. Jetzt bin ich wieder froh. :-D

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