Was war nochmal prekär?

Der Stressfaktor meldet für heute eine oberbaumbrückenhafte Wasser-Gemüse-Schlacht an der Kreuzberg-Neukölln-Grenze. Die politische Begründung offenbart tiefe, tiefe Verwirrung. Obwohl sie natürlich selbstironisch und das ganze eine Spaßaktion ist, das habe ich schon verstanden.

Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Prekarier_innen und Arbeitslosen bevölkerter Stadtteil hört nicht auf der Gentrifizierung Widerstand zu leisten.

Friedrichshain und Prenzlauer Berg sind bereits yuppisiert, Kreuzberg ist auf dem besten Weg dorthin. Die Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen, die gerade auf die Schlesische Straße gezogen sind, schielen nun nach Nordneukölln, weil sie dort ihre kleinen trendigen Boutiquen eröffnen wollen. Auf der Weserstraße wurden bereits vereinzelt brunchende Werbetexter gesichtet, die an ihrem Prosecco nippten.

Kreuzberger Designer und Werbetexter sollen also die Klassenfeinde des Prekariats sein? Leute: Die meisten Kreuzberger Designer und Werbetexter gehören zum Prekariat.

Ich erinnere mich noch genau. Vor ein paar Jahren habt ihr erst versucht, diesem Milieu klarzumachen, dass es eine Klasse namens Prekariat sei: Unterdurchschnittliches Einkommen. Nebenjobs. „Geringfügige Beschäftigung“ oder formale Selbständigkeit, dadurch Abkopplung von den sozialen Sicherungssystemen bei gleichzeitiger massiver Abhängigkeit von einem oder wenigen Auftraggebern oder der wirtschaftlichen Kleinwetterlage. Daher: Radikaler Arbeitskampf im Callcenter. Selbständigkeit ist Selbstausbeutung.

Das Prinzip „Sonntagsbrunch im Café“ habe ich etwa zur gleichen Zeit von einem einkommenlosen friedrichshainer Kommunisten und Hausprojektbewohner kennengelernt. Es galt damals nicht als yuppiehaft, sondern als Abhängen.

Kaum sechs Jahre später bezeichnet ihr plötzlich euch selbst als Prekariat, das Prekariat als Yuppies, und nicht frühstücken zu gehen soll als Distinktionsmerkmal nach unten taugen. Merkt ihr selber, oder?

Uns ist schon klar, dass wir zum Teil auch selbst mit für die Gentrifizierung verantwortlich sind. Darüber wird ja auch viel disktutiert und…

Gut! Aber dann hört bitte, bitte mit diesem Freund-Feind-Ding auf, auch im Spaß. Nochmal: Der Milieu-Unterschied zwischen Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen vom Schlesischen Tor und sojawurstmampfenden Soziologiestudenten aus der Friedelstraße ist minimal, wenn überhaupt! Wahrscheinlich jobben sogar beide im gleichen Callcenter.

Ihr macht euch was vor. Und wisst ihr auch, warum? Weil ihr beleidigt darüber seid, dass der Großteil des Prekariats, das ihr zu repräsentieren behauptet, damals wie heute, in der Neuköllner wie der Kreuzberger Variante einfach nicht linksradikal werden will. Das ist alles.

PS: In den Verlautbarungen der geschmähten Szene („The Definitive Guide for the Mobile Generation“) wird die angekündigte Aktion erwartungsgemäß total kultig und szenemäßig gefunden.


3 Antworten auf “Was war nochmal prekär?”


  1. 1 Felix 21. Juli 2008 um 16:34 Uhr

    Vom wirklichen Prekariat nimmt eh keiner an Gemüseschlachten teil, nach diesem Ehrentitel schielt die Bafög- und Großelternfinanzierte Klasse vergeblich.

  2. 2 Ekie 05. August 2008 um 20:02 Uhr

    Sehr gute Zusammenfassung des Problems, dessen die Szene sich nicht annimmt, da die Abgrenzung von vermeintlich nicht linken Gleichaltrigen immer noch wichtiger ist als die Auseinandersetzung mit eigenen Stereotypen.

  3. 3 Alex 10. August 2008 um 3:11 Uhr

    Sonntagsbrunch im Café IST yuppiehaftes Abhängen, total kultig und scenemäßig, machen wir uns nichts vor: es gibt kaum Schlimmeres.
    Gemüsesuppe hingegen, gentrifiziere das! Kartoffeln brauchen länger als Karotten/Möhren, Lauch weniger, Kräuter nach Wahl, gut is‘.
    Aber sich Gemüsesuppen an die Köpfe zu werfen oder gleich Designer, Werbetexter, ganze Callcenter, Werbeagenturen und Latte-Macchiato-Bars, das wär zwar bunt und fein anzusehen und wünschenswert wohl auch, aber die trefflichere Gemüseverschwendung… mit den besseren Mobilisierungstexten… vielleicht ist das zuviel gewollt…

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