Archiv für November 2009

Wissenschaftliche Sozialwissenschaft

Wissenschaft ist nicht bloß eine Fortsetzung des gesunden Menschenverstandes […]. Wissenschaft fängt dort an, wo Vorstellung aufhört, und sie untergräbt viele der hausverstandsmäßigen Intuitionen. Dies trifft besonders auf soziale Systeme zu, weil diese im Gegensatz zu ihren Komponenten, den Individuen, kontraintuitive Eigenschaften haben, von denen die meisten nicht wahrnehmbar sind, so dass sie sich oft auf unvorhergesehene oder unvorhergesehen bösartige Weise verhalten. Die Behauptung, dass wir unmittelbares oder intuitives Wissen über andere Menschen besäßen und der Anspruch, dass sozialwissenschaftliche Modelle allgemeinverständlich zu sein hätten, sind die besten Voraussetzungen, um Banalitäten und Irrtümer in industriellen Stückzahlen zu produzieren. Wir sind aufgefordert, zwischen gesundem Menschenverstand — inklusive schlüpfrigem und unkontrolliertem Verstehen [deutsch im Original!] — und Wissenschaft zu wählen. Wenn wir uns für Letzteres entscheiden, werden Forschung und Praxis unsere Intuitionen so weit schulen, dass wir das, was Anfänger kontraintuitiv finden, intuitiv oder beinahe intuitiv finden werden.

Mario Bunge: Social Science Under Debate, Übersetzung von mir.