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Wissenschaftliche Sozialwissenschaft

Wissenschaft ist nicht bloß eine Fortsetzung des gesunden Menschenverstandes […]. Wissenschaft fängt dort an, wo Vorstellung aufhört, und sie untergräbt viele der hausverstandsmäßigen Intuitionen. Dies trifft besonders auf soziale Systeme zu, weil diese im Gegensatz zu ihren Komponenten, den Individuen, kontraintuitive Eigenschaften haben, von denen die meisten nicht wahrnehmbar sind, so dass sie sich oft auf unvorhergesehene oder unvorhergesehen bösartige Weise verhalten. Die Behauptung, dass wir unmittelbares oder intuitives Wissen über andere Menschen besäßen und der Anspruch, dass sozialwissenschaftliche Modelle allgemeinverständlich zu sein hätten, sind die besten Voraussetzungen, um Banalitäten und Irrtümer in industriellen Stückzahlen zu produzieren. Wir sind aufgefordert, zwischen gesundem Menschenverstand — inklusive schlüpfrigem und unkontrolliertem Verstehen [deutsch im Original!] — und Wissenschaft zu wählen. Wenn wir uns für Letzteres entscheiden, werden Forschung und Praxis unsere Intuitionen so weit schulen, dass wir das, was Anfänger kontraintuitiv finden, intuitiv oder beinahe intuitiv finden werden.

Mario Bunge: Social Science Under Debate, Übersetzung von mir.

Sozialforschung am Avatar

Eigentlich nicht riesig überraschend, aber schön ausgearbeitet: Das Sternzeichen hat gar keinen, die ethnische Gruppe (eigene Angabe) fast keinen und die Religion einen ziemlich großen Einfluss darauf, wen man auf einer Online-Dating-Plattform attraktiv und interessant findet und von wem man interessant und attraktiv gefunden wird. Jeweils nach eigenen allgemeinen Angaben („das und das ist mir an einer anderen Person wichtig und so und so schätze ich mich ein“), ohne Ansehen einzelner Personen.

Mit soetwas werden wir in Zukunft öfter konfrontiert werden. Je mehr Bereitschaft zur Selbstquantifizierung, desto leichter ist es, so eine Auswertung rauszudrücken und desto mehr ist sie dann auch selbstrechtfertigend („Intelligenz ist, was ein Intelligenztest mißt“ – genau, und Interessantheit und Attraktivität sind das, was Leute auf Dating-Plattformen aneinander suchen).

Wenn die Daten und das Auswertungsprogramm öffentlich sind, kann jeder selbst die Ergebnisse nachvollziehen und eigene, modifizierte Hypothesen prüfen.

(via @plomlompom)

Das Video im Zeitalter der technischen Austauschbarkeit seines Mediums

Ist eigentlich allen klar, dass wir uns bald ganz selbstverständlich zum „Blu-Ray-Abend“ verabreden werden? Oder kriegt man das hin, weiter „Video“ zu sagen? Ich glaube, ich sage auch im Moment schon niemals „DVD-Abend“. Man hat vorher ja auch nicht „VHS-Abend“ gesagt. Nennt jemand sein MP3-Verzeichnis seine Plattensammlung? Ich finde, man könnte.

Schöner schimpfen

Ich empfehle heute einen Artikel, der meinen Wortschatz um den hinreißenden Ausdruck „postmoderner Allesversteher“ bereichert hat.

Repression und Eskalation

Gestern abend wollte ich in die Köpi.

Achtung, achtung. Es folgt eine Durchsage der Polizei an alle Personen, die sich auf der Köpenicker Straße auf der Fahrbahn aufhalten. Bitte begeben Sie sich auf den Bürgersteig. […]

Ich gehe auf den Bürgersteig, genauer gesagt auf den Bürgersteig einer anderen Straße, 200 Meter weiter. Dort fährt die Staatsmacht gerade einen Lichtmast aus. Zwei Touristen, die eigentlich eine Lounge suchen, fragen mich, ob das hier „eher das Viertel ist, wo es öfter mal Krawall gibt“. Ich erkläre ihnen nach bestem Wissen die Vorgeschichte, und wir schauen gemeinsam zu.

„Ey, was glotzt ihr denn so? Is spannend, ne?“

Die Polizei wiederholt ihre Durchsage. Ich unterhalte mich weiter mit den Touristen. Dabei müssen wir wohl den Ernst der Lage verkannt und kurz gelächelt haben, denn:

„Mann, dit ist auch DEIN Staat! Ich find das nicht witzig oder so, mich macht das total wütend, diese Provokation! Ich seh nun echt nicht besonders links aus, ja, aber trotzdem…“

Nein, sieht sie nicht. Jetzt gerade sieht sie aus wie eine Person, die nicht bereit ist, irgendjemandem, der ihn erhebt, den Anspruch auf Repressionsopferstatus abzuerkennen. Und die dasselbe auch von anderen erwartet. Während sie noch redet, kommt schon die nächste Durchsage.

Wir bedanken uns für Ihre Kooperation. Wenn die Fahrbahn erneut besetzt wird, wird es aber zu weiteren polizeilichen Maßnahmen kommen.

Sie machen das Licht aus, fahren ihren Ständer runter und schieben ab.

Mein Gegenüber hat gar nicht gemerkt, was passiert ist. Nur ein Wort ist durchgedrungen: „Besetzt, vor allem. Als wenn die Straße besetzt gewesen wäre“. Ich erkläre, daß besetzt die gängige Bezeichnung für etwas ist, was man nicht benutzen kann, weil jemand darauf sitzt. „Ja, sowas kann man im Nachhinein immer konstruieren“. Eine Sekunde später sitzen alle wieder auf der Straße. Jemand fängt an, Pflastersteine auszugraben.

Gestern abend wurde in Berlin kurzfristig der Freiraum erkämpft, auf der Fahrbahn sitzen zu können statt auf dem Gehsteig.

Wie hat Stalin seinen Kalenderspruch gemeint, in Deutschland werde es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müßte?

Heraus zum zweiten Mai!

Obwohl ich nicht werde da sein können, weil ich stattdessen in Süddeutschland herumgammeln werde, mache ich Werbung für die Demonstration zum zweiten Mai, dem internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen. „Für ein angemessenes Bürgergeld, gegen sinnlose Produkte“.

13:00 Uhr, Senefelderplatz

Am Kiosk

U-Bahn Kottbusser Tor. Ein türkischer junger Mann kauft bei einer türkischen jungen Frau, die am Kiosk arbeitet, Zigaretten.

Er: „Schon gelesen, den Spiegel?“
Sie: „Ja.“

Sie lächeln kurz. Abgang.

Kein Erklärungsbedarf

Ein Ort für unverbindlichen Geschlechtsverkehr unter homosexuellen Fröschen? Eine Einrichtung für Froschmütter in Not, um ihre Kaulquappen anonym zur Adoption freizugeben?

Ist doch egal. Ich bin begeistert und verbitte mir blöde Begründungen.

Froschklappe

Vom völligen Versagen

Wer sich gelegentlich zu dem Gedanken versucht findet, Religionskritik sei individuell gesehen pubertär und politisch gesehen ein Nebenschauplatz, und in hiesigen Breiten begegne einem christliche Religiosität ohnehin nur noch als halbwegs aufgeklärte, weichgespülte Mischung aus Sozialverband und Folkloreverein, der sollte Interviews mit Weihbischöfen lesen. Die ideologische Vollmeise ist nicht zu übersehen, sie ist groß, sehr groß, und sie tutet, aber dann wirds plötzlich pragmatisch:

Aber aus zwei Gründen muss die Kirche mit homosexuellen Neigungen viel vorsichtiger umgehen: Erstens, weil bei einem möglichen Fall des betreffenden Priesters der Schaden viel größer ist, wenn homosexuelle Beziehungen bekannt werden als bei der Beziehung eines Priesters zu einer Frau. Zweitens scheint die Wahrscheinlichkeit eines Versagens eine erheblich größere zu sein bei homosexuellen Neigungen.

Und das ist natürlich weder falsch noch beleidigend noch dumm, sondern vermutlich richtig und leicht zu erklären. Wer als Homosexueller das Verlangen verspürt, katholischer Priester zu werden, der kann auch ansonsten nicht alle Schweine im Rennen haben. Der Totalausfall ist dann nur eine Frage der Zeit.

Danke: GayWest.

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Spiegel Online:

Berlin — Die Berliner Polizei teilte am Abend mit, dass die Jugendlichen im Alter von 16, 17 und 19 Jahren den US-Bürger „aufgrund seiner Hautfarbe“ angegriffen hätten. Dennoch gebe es keine Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat, hieß es in der Polizeimeldung.

Vermutlich haben sie recht — in dem Sinn, daß wie immer unklar ist, was „Fremdenfeindlichkeit“ eigentlich sein soll — Rassismus nennt man das, Burkhard Schröder hat dazu alles nötige gesagt. Aber das meinen sie nicht, oder?