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Maschinenwinter

Maschinenwinter - Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift (edition unseld)

Horde:
Der politische Islam der Hamas, al-Qaida oder Hisbollah paßt auf direkte, nicht mehr durch Lohnabhängigkeit, sondern auf Gefolgschaft oder Aussortierung gründende Herrschaftsverhältnisse, wie sie im Westen jetzt wiederkehren, sehr viel besser als das neuzeitliche Christentum mit seiner Betonung des individuellen Seelenheils, der guten Werke und der Gnadenwahl. […] Wenn der Aberglaube an den lohnabhängigen Arbeitsplatz als einzig denkbares Instrument der Vergesellschaftung nicht beseitigt wird, geht er früher oder später in ältere, robustere Formen des Mythos über […] Wozu einen Weltbankchef, wenn wir den Pharao wiederhaben können?

Kaputtmachen:
Wenn südbadische Weinbauern gegen Kernkraftwerke agitieren, französische Metzger bei McDonald’s die Scheiben einschmeißen oder indische Arbeiterinnen einen Automaten in Brand stecken, der sie ersetzen soll, spricht man von Maschinenstürmerei. Sozialistisch ist die nicht; aber dafür nachvollziehbar. […]
Wo Sozialisten genötigt sind, einen Apparat zu zerschlagen, der potentiell großen Nutzen in sich trägt, aber zum Herrschaftsmittel bei der Verfolgung von Partikularinteressen entwürdigt wurde […]
Zerschlagt die Apparate, aber schützt die Bauanleitungen.

Condition humaine?
Nennt euch Mutanten, Cylonen oder Schlümpfe, wenn euch der Menschenname zu totalisierend, identitär oder repressiv ist. Darauf kommt es nicht an.
Lieber wäre mir, es fänden sich genügend geschickte und ausdauernde Personen, Verhältnisse zu beseitigen, in denen die ökonomisch-politische Besonderheit der Gattung von der Mehrheit der Zweibeiner noch gar nicht erreicht wird.

Rückwärts nimmer:
Sollte sich […] in den nächsten Jahren irgendwo ein politischer Islam regen, der im Ernst ein anderes Gesellschaftsmodell als das feudale vorzuschlagen hat und beispielsweise die widerlichen und doppelzüngigen Alliierten des Westens von Saudi-Arabein bis Pakistan nicht durch etwas noch Widerlicheres (Taliban, Iran) ersetzen will, so mag er denen, die die Freiheit wollen, willkommen sein. Wo aber die ekelhaften Zutaten typisch mittelalterlicher Zustände (Misogynie, religiöser Wahn, Homophobie, Antisemitismus) ins rebellische Programm eingekocht werden, ist keine Hoffnung.

Die Moral des Romans paßt haargenau auf die Wirklichkeit

Waffenwetter

Der Punkt bei Makroproblemen ist immer, daß sie Makrolösungen verlangen. Wer ein funktionierendes Verkehrsnetz für einen Flächenstaat will, verläßt sich nicht auf dörfliche Bürgerinitiativen. Natürlich nennen die Meinungsschnuppelchen der Monopole diesen Gedanken „totalitär“, jedenfalls so lange, wie sich noch jemand an den Sozialismus erinnert. Wenn aber nebenan der Chemieriese seinen Profitabfall in den Fluß kotzt, sehe ich ziemlich lächerlich aus, während ich denselben Joghurtbecher zum dritten mal ausspüle und wiederverwende.

Die zwei Kulturen

Die Vermessung der Welt

Gauß geht ins Theater und trifft dort Humboldt:

Er glaube, flüsterte Bessel, Goethe sei heute in seiner Loge.
Gauß fragte, ob das der Esel sei, der sich anmaße, Newtons Theorie des Lichts zu korrigieren.
Leute drehten sich zu ihnen um.
[…]
Gauß, der zuvor nicht zugehört hatte, bat den Diplomaten, seinen Namen zu wiederholen.
Der Diplomat tat es mit einer Verneigung. Er sei übrigens auch Forscher!
Neugierig beugte Gauß sich vor.
Er untersuche alte Sprachen.
Ach so, sagte Gauß.
Das, sagte der Diplomat, habe enttäuscht geklungen.
Sprachwissenschaft. Gauß wiegte den Kopf. Er wolle keinem zu nahe treten.
Nein, nein. Er solle es ruhig sagen.
Gauß zuckte die Achseln. Das sei etwas für Leute, welche die Pedanterie zur Mathematik hätten, nicht jedoch die Intelligenz. Leute, die sich ihre eigene notdürftige Logik erfänden.
Der Diplomat schwieg.
Gauß fragte ihn nach seinen Reisen. Er müsse ja wirklich überall gewesen sein!
Das, sagte der Diplomat säuerlich, sei sein Bruder. Eine Verwechslung, die ihm nicht zum erstenmal passiere. Er verabschiedete sich und ging mit kleinen Schritten davon.