Archiv der Kategorie 'Markt & Technik'

Eine Verwundbarkeit bei Google Buzz

Interessanter als Datenschutz: Like-hijacking. Niedliche Photos von Katzen posten und warten, bis Leute auf „Like“ geklickt haben, sodann auf „Edit“ klicken und den Holocaust leugnen. Danach allen Personalchefs bescheidsagen.

Arbeit lohnt sich nicht

In einem haben diejenigen, die mit „Arbeit muss sich wieder lohnen“ gegen den Sozialstaat wettern, sogar recht: Der Grenznutzen harter Arbeit ist tatsächlich miserabel. Unrecht haben sie mit ihrer Forderung.

Sondern andersrum: Jede zusätzliche Stunde nicht-selbstbestimmter Lebenszeit pro Woche ist erheblich nerviger als die Stunde davor. Man braucht aber jeden zusätzlichen Euro pro Woche weniger dringend als den Euro davor. Für viele Menschen wäre es daher ökonomisch sinnvoll, weniger zu arbeiten. Und da ist die Steuer- und Sozialabgabenprogression, auf die sich die „muss-sich-wieder“-Fraktion eingeschossen hat, noch gar nicht berücksichtigt: Durch sie wird das Argument nur verstärkt. Es gilt aber auch ohne.

Dass die Arbeitswelt trotzdem so aussieht, wie sie aussieht, kann ich mir nur so erklären, dass die meisten Menschen (inklusive mir) nicht nur so viel arbeiten, wie sie eben wollen oder müssen, sondern so viel, wie man „nunmal üblicherweise“ arbeitet. Vielleicht werden sich demnächst mehr von uns Leuten entschließen, post-traditional und stattdessen ökonomisch vernünftig zu handeln und nur noch halbtags zu arbeiten.

Wenn genug auf einmal auf die Idee kommen, werden auch die Arbeitskraft-Abnehmer ihre Vorbehalte dagegen nicht weiter durchsetzen können und entsprechende Stellen anbieten müssen. Wenn genug Menschen in geeigneten Branchen (nicht Krankenversorgung oder Brückenbau) gar keinen Bock mehr auf Normalarbeitsverhältnisse haben und stattdessen Freiberuflichkeit oder befristete Jobs nicht mehr als prekär schelten, sondern frei wählen, werden die sogar gar nicht mehr gefragt.

Je teurer desto plazebo

Ein Argument, warum Krankenkassen nicht die Kosten für Homöopathie, Weleda und Akupunktur, aber auch nicht für Aspirin übernehmen sollten: Es scheint heilsam zu sein, für Medikamente Geld auszugeben.

Maschinen befreien

So schlecht, daß es immernoch schlecht ist

Ob der Spiegel deutschlehrerhaft und tendenziell antiamerikanisch rumspießert, wenn er fragwürdige Mitarbeiter-Bespaßungs-Videos aus dem Hause Microsoft als peinlich bezeichnet, oder ob er damit etwas Bemerkenswertes bemerkt.

Wer das „als Trash sieht“, wer also Konzernkultur ohnehin nur als Freakshow und Youtube-Futter wahrnimmt, hat es natürlich leicht, das einfach nur witzig zu finden. Wenn ein solches Werk aber erscheint, dann geschieht das im Rahmen eines Firmenmeetings, wo eine Abteilung dieses Video vorgesetzt bekommt und würdigen soll. Man darf nicht vergessen, daß die Autoren das ernst meinen, d.h. sie halten es tatsächlich für gelingende Selbstironie und glauben damit zu beweisen, „auch mal locker sein“ zu können. Dementsprechen gibt es also auch Leute, von denen bis zu einem gewissen Grad eine Identifikation mit diesem Kack erwartet wird.

Denen gebührt Solidarität in ihrem Leiden. Von daher ist „peinlich“ schon die richtige Feststellung.

Meine Frau darf auch mal ins Internet

Aus der O2-Kundenzeitschrift:

Sie als Heim-Surfer: Wie oft und wie lange surfen Sie?

Wenn Sie sich einloggen, dann sehr lang von zu Hause – wie Ihre Familie.

Sie sitzen mit Vorliebe abends am PC – wie Kinder und Frau auch. Gleichzeitig, denn Ihre Familie besitzt mehrere Rechner […]

Danke für die Rollenverteilung und die Selbstverständlichkeit, mit der hier die Standardfamilie gesetzt wird. Spacken.

Nichtkundendienst mangelhaft

Ich erhalte einen Brief der Firma Strato. Eine dritte Mahnung über 45 €. Falls ich nicht zahle, werde sich ein Inkassobüro mit mir befassen, und außerdem werde meine Domain „wrtzlubrompf.de“ bereits mit jenem Schreiben fristlos gekündigt.

Ich habe nie eine solche Domain betrieben. Ich habe nie eine erste oder zweite Mahnung erhalten.

„Klarer Fall“, denke ich, hat sich irgendein Spammer irgendwoher meine Hausadresse gephisht, ist ja auch kein großes Geheimnis, und sich beim Webhoster auf meinen Namen angemeldet. Kann passieren, kann die Bude auch nur eingeschränkt was dafür, ist kein Grund, sich aufzuregen. Schreib ich denen halt eine Mail und kläre das.

Auf dem Schreiben steht keine Email-Adresse.

Unsere Buchhaltung erreichen Sie unter:

www.strato-buchhaltung.de
FAX: (030) …

„Je nun“, denke ich, und komme mir sehr geduldig und großmütig vor: Mache ich den Laden eben auf seinen Irrtum aufmerksam, indem ich widerstrebend ein Web-Formular ausfülle, statt Papier in das höchstens noch für Anwälte, Steuerberater und andere Standesberufsangehörige mit konservativer Kommunikationskultur relevante Auslaufmedium Fax zu stecken.

Ich soll meine Telefonnummer eingeben. Das Webformular will meine Nachricht nicht annehmen, wenn ich meine Telefonnummer nicht eingebe.

„So weit kommt’s noch“, denke ich, und tippe ein paar Nullen ein, obwohl ich mich an dieser Stelle bereits berechtigt sehe, meinen Klärungsversuch bona fide aufzugeben.

Also schreibe ich:

Guten Tag,

heute habe ich unter og. Nummer eine Mahnung über 45 € von Ihnen bekommen.

Dazu teile ich mit: Ich war nie Kunde bei Ihnen, habe keine Leistungen entgegengenommen, schulde Ihnen kein Geld und habe auch nie zuvor eine Rechnung oder Mahnung von Ihnen bekommen.

Ich hoffe, Sie können die Sache klären und mir dies schriftlich bestätigen. Meine Adresse haben Sie ja.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr M.

Ich zeichne seit geraumer Zeit auch auf Geschäfts- und Amtsbriefen immer mit „Ihr“, weil ich glaube, daß das höflich und gleichzeitig selbstbewußt wirkt.

Die Antwort kommt nur einen halben Tag später:

vielen Dank für Ihre Anfrage vom 27.02.2008.

Alles noch aktuell?
Neue Adresse? Neue Bankverbindung? Neuer Name? Bitte informieren Sie uns in Ihrem Kundenservicebereich unter http://www.strato.de/login/index.html, Menüpunkt Vertragsbetreuung, Änderung der Stammdaten.
Vielen Dank!

Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß wir aus Datenschutzgründen auf nicht-authentifizierte E-Mails keine Auskunft über den Status von Bestellungen und Verträgen geben, sowie in diesen keine Änderungen vornehmen können.

Dies dient dem Schutz unserer Kunden.

Nutzen Sie dazu bitte unsere Hotline, die unter 01805-050301 (0,14 €/Min aus dem Festnetz der DTAG) zu erreichen ist, oder unsere Faxnummer 030-88615334.

Mit freundlichen Grüßen

Customer Care

Ich bin kein Kunde. Ich will keine Auskunft und keine Änderung. Ich brauche keinen Schutz.

„Mutter, mach‘ Licht“, denke ich, und gebe einstweilig auf. Was als nächstes passieren wird, kann sich jeder am Arsch abklavieren: Mein Klärungsversuch ist in einer menschlichen Eingabemaske, einer Aufmerksamkeitssenke, einem Mitarbeiter eines dämlichen Call-Centers steckengeblieben. Also werden die jetzt ihr genauso dämliches Inkassobüro losschicken.

Mit dem Inkassobüro werde ich nicht reden. Ich werde warten, bis sie mich verklagen, sie auflaufen lassen und einen befreundeten Anwalt noch eine Gebühr dafür kassieren lassen, falls der Lust hat, sich das anzutun. Der schickt ihnen dann sicher auch ein Fax.

Ich habe es wirklich versucht. Ich sehe nicht ein, auch nur eine Minute oder eine Briefmarke zu investieren, um denen beim Reparieren ihrer kaputten Geschäftsprozesse zu helfen. Insbesondere verweigere ich mich, mit ahnungs- und schuldlosen, unterbezahlten Telefonkräften zu streiten, mit denen Saftläden wie dieser sich als Teil ihres Geschäftsmodells vor berechtigten Beschwerden von Kunden und Nichtkunden abschirmen.

Minus

Liebe Radioreklameansager_innen,

hört doch bitte auf, das Zeichen „–“ in Internetadressen „minus“ auszusprechen. Wer hat euch da bloß beraten.

Erstens würde es nur eine einzige Silbe mehr kosten, das Ding seiner Funktion gemäß „Bindestrich“ zu nennen, was zudem ungünstige Assoziationen vermeidet wie sie von Sätzen wie „Spenden Sie jetzt bei WWW Aktion minus Sorgenkind DE“ hervorgerufen werden können.

Zweitens ist der Bindestrich, zum Donnerwetter, ohnehin der einzige Strich, der im fraglichen Teil von Internetadressen auftreten kann, deswegen sind Verwechslungen mit Unter- und Schrägstrichen ohnehin ausgeschlossen. Wenn ihr Sendezeit mikrosekundenweise sparen müßt, könnt ihr also gefahrlos einfach „Strich“ sagen.

Versprochen ist versprochen?

Eben etwas gelernt: Wenn man bei der Deutschen Bahn eine kontingentierte Fahrkarte bestellt (Sparpreis, Dauer-Spezial-Quatsch o. dgl.), dann kann einem die noch jemand wegschnappen, zwischen Aussuchen des Zuges und Eintippen der Kreditkartennummer.

„Die Fahrkarte steht nicht mehr zur Verfügung (ausgebucht). Bitte wählen Sie eine neue Verbindung.“

Ich muß sagen, ich bin ein bißchen beleidigt.

Anruf-Info per SMS

Ich telefoniere wahnsinnig selten und war der letzte Mensch, der noch kein Handy hatte. Die letzten anderthalb Jahre hatte ich zumindest eine Prepaid-Karte. Jetzt habe ich „Genion S“, das heißt, ich zahle keine Grundgebühr, habe trotzdem eine „Homezone“ und also eine Pseudofestnetznummer. Das ist ganz gut, ich will nämlich in Zeiten einzeln erhältlicher DSL-Leitungen meinen Festnetzanschluß nicht mehr.

Bei O2 bekommt man eine SMS, wenn man einen Anruf verpaßt. Das bekommt der Anrufer per Ansage mitgeteilt, und diese Ansage kostet Geld (das Netz „nimmt ab“). Das will ich nicht, denn ich halte es für die übliche Umgangsform und den bewahrenswerten status quo ante Anrufbeantworter, daß ein Anruf nichts kostet, es sei denn, der Angerufene geht ans Telefon. Deswegen habe ich diese Funktion gerade abschalten lassen. Vorher habe ich aber noch etwas ausprobiert.

Man könnte ja denken, vielleicht ist diese Ansage nicht reine Geldmacherei, sondern vielleicht auch technisch bedingt, weil das System, was die SMS verschickt, so gebaut ist, daß es ersteinmal abnehmen muß oder irgendetwas dergleichen. Nichts da. Es geht offensichtlich auch ohne.

Drei verschiedene Arten, nicht ans Telefon zu gehen, drei verschiedene Ergebnisse.

  • Handy aus: kostenpflichtige Ansage, SMS kommt.
  • Gehe nicht ans Telefon: kostenfreie Ansage („..geht nicht ans Telefon“), keine SMS kommt. Warum? Weil die meisten Handys einen im angeschalteten Zustand verpaßten Anruf selbst anzeigen können? Nein, denn:
  • Handy klingelt, drücke auf „Anruf ablehnen“: Besetzton kommt, SMS kommt.

Fall drei ist aus zwei Gründen drollig. Erstens braucht man die SMS in dem Fall am wenigsten (man hat den Anruf mit eigenen Augen gesehen). Zweitens beweist er, daß es technisch durchaus möglich ist, die Benachrichtigungs-SMS auf den kostenlosen Besetzton zu verschicken.

Ja, ich bin ein Nerd.