Archiv der Kategorie 'Postmoderne, hab mich gerne.'

Gute Miene

Ich bin erkältet. Mein Arbeitskollege hat mir extra aus der Apotheke eine Packung anthroposophische Schüsslersalz-Globuli mitgebracht, und ich hätte ihn, glaube ich, wirklich verletzt, wenn ich die nicht artig eingesteckt hätte.

Schüsslersalze sind nicht das gleiche wie Kräuterhausmittel, die traditionell gegeben werden und vielleicht ein bißchen helfen, sondern sie sind ein Regenzauber, die Idee eines schrulligen Gesundbeters, die über die Arzneimittelzulassungs-Extrawurst in die Apotheken gekommen ist, welche in Deutschland speziell für die Anthroposophen skandalöserweise gebraten wird. Die einzige Tradition, in der das Zeug steht, ist die okkultistische.

Ich bin dann verlegen. Es geht nicht darum, dass ich nicht an das Zeug glaube. Nicht glauben tue ich unter anderem, in unterschiedlichen Graden der Überzeugung,

  • daß das Betrachten nackter Menschen jemanden in seiner Jugend gefährden kann,
  • daß es gerade aus dem Grund schädlich ist, die Deutsche Bahn zu privatisieren, weil sie eine wichtige Rolle als öffentlicher Beschäftigungsträger spielt,
  • daß Schwulsein eher eine Angewohnheit oder gar ein begriffliches Mißverständnis ist als eine reale, stabile Eigenschaft einer Person,
  • daß es in Brandenburg deswegen so viele Neonazis gibt, weil man in DDR-Kindergärten gemeinsam aufs Töpfchen ging,
  • daß eine Person mit durchschnittlichem Einkommen irgendeinen Nutzen von der Inanspruchnahme eines Finanzberaters hat.

Das ist etwas ganz anderes.

Es geht auch nicht darum, daß ich Personen, die ich für abergläubisch halte, geringschätzen würde. Das ist nicht der Fall.

Es geht darum, daß ich befürchte, daß diese Menschen ihren Glauben an Schüsslersalze für edler halten als, sagen wir, Nina Hagens Glauben an die Macht der Sternzeichen. Und daß sie verletzt wären, wenn sie so ganz deutlich erführen, daß ich das nicht so sehe.

„Danke, ich werd’s mir zuhause mal einfahren.“

Was war nochmal prekär?

Der Stressfaktor meldet für heute eine oberbaumbrückenhafte Wasser-Gemüse-Schlacht an der Kreuzberg-Neukölln-Grenze. Die politische Begründung offenbart tiefe, tiefe Verwirrung. Obwohl sie natürlich selbstironisch und das ganze eine Spaßaktion ist, das habe ich schon verstanden.

Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Prekarier_innen und Arbeitslosen bevölkerter Stadtteil hört nicht auf der Gentrifizierung Widerstand zu leisten.

Friedrichshain und Prenzlauer Berg sind bereits yuppisiert, Kreuzberg ist auf dem besten Weg dorthin. Die Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen, die gerade auf die Schlesische Straße gezogen sind, schielen nun nach Nordneukölln, weil sie dort ihre kleinen trendigen Boutiquen eröffnen wollen. Auf der Weserstraße wurden bereits vereinzelt brunchende Werbetexter gesichtet, die an ihrem Prosecco nippten.

Kreuzberger Designer und Werbetexter sollen also die Klassenfeinde des Prekariats sein? Leute: Die meisten Kreuzberger Designer und Werbetexter gehören zum Prekariat.

Ich erinnere mich noch genau. Vor ein paar Jahren habt ihr erst versucht, diesem Milieu klarzumachen, dass es eine Klasse namens Prekariat sei: Unterdurchschnittliches Einkommen. Nebenjobs. „Geringfügige Beschäftigung“ oder formale Selbständigkeit, dadurch Abkopplung von den sozialen Sicherungssystemen bei gleichzeitiger massiver Abhängigkeit von einem oder wenigen Auftraggebern oder der wirtschaftlichen Kleinwetterlage. Daher: Radikaler Arbeitskampf im Callcenter. Selbständigkeit ist Selbstausbeutung.

Das Prinzip „Sonntagsbrunch im Café“ habe ich etwa zur gleichen Zeit von einem einkommenlosen friedrichshainer Kommunisten und Hausprojektbewohner kennengelernt. Es galt damals nicht als yuppiehaft, sondern als Abhängen.

Kaum sechs Jahre später bezeichnet ihr plötzlich euch selbst als Prekariat, das Prekariat als Yuppies, und nicht frühstücken zu gehen soll als Distinktionsmerkmal nach unten taugen. Merkt ihr selber, oder?

Uns ist schon klar, dass wir zum Teil auch selbst mit für die Gentrifizierung verantwortlich sind. Darüber wird ja auch viel disktutiert und…

Gut! Aber dann hört bitte, bitte mit diesem Freund-Feind-Ding auf, auch im Spaß. Nochmal: Der Milieu-Unterschied zwischen Latte-Macchiato-schlürfenden Designerinnen vom Schlesischen Tor und sojawurstmampfenden Soziologiestudenten aus der Friedelstraße ist minimal, wenn überhaupt! Wahrscheinlich jobben sogar beide im gleichen Callcenter.

Ihr macht euch was vor. Und wisst ihr auch, warum? Weil ihr beleidigt darüber seid, dass der Großteil des Prekariats, das ihr zu repräsentieren behauptet, damals wie heute, in der Neuköllner wie der Kreuzberger Variante einfach nicht linksradikal werden will. Das ist alles.

PS: In den Verlautbarungen der geschmähten Szene („The Definitive Guide for the Mobile Generation“) wird die angekündigte Aktion erwartungsgemäß total kultig und szenemäßig gefunden.

Untertreibung des Tages

Der „Beruf und Karriere“-Teil der Berliner Zeitung hat heute allen Ernstes einen ganzseitigen Artikel über Astrologie im Zusammenhang mit der Berufswahl. Der Artikel selbst hält zwar einige skeptische Distanz zum besprochenen sterndeutenden Diplom-Psychologen. Im Info-Kasten heißt es aber:

[…] von vielen Naturwissenschaftlern wird die Aussagekraft von Horoskopen allerdings bezweifelt. Sie sagen, dass es keinen statistischen Beweis für die Annahmen gibt.

Richtig ist, daß die Aussagekraft von Horoskopen nicht nur von vielen Natur-, sonder von beinahe allen Überhauptwissenschaftlern nicht nur bezweifelt, sondern abgestritten wird. Und zwar nicht, weil es keinen statistischen Beweis für die Annahmen gibt, sondern weil der behauptete Mechanismus zwischen Sternen und Menschen völlig unplausibel ist, das gesellschaftliche und psychologische Phänomen „Pseudowissenschaft und Humbug“ dagegen allgegenwärtig und gut zu verstehen.

Nebenbei:

Allerdings räumt [der Astrologe] ein, dass die Astrologie zum naturwissenschaftlichen Weltbild im Widerspruch steht.

Man beachte auch hier die Betonung von „naturwissenschaftlich“. Gibt es eine Tendenz, die Geistes- und Sozialwissenschaft als Komplement im Sinne von Komplementärmedizin zur Naturwissenschaft zu betrachten? Psychologie als Homöopathie der Neurobiologie? Naturwissensschaftler als Ärzte, Geisteswissenschaftler als Heilpraktiker? Und die Rolle des Neurobiologen ist es, dem Psychologen zu erklären, daß Sonnenlicht-Globuli nicht wirken? Wenn ja, haben die so deklassierten Disziplinen ihr Scherflein zu diesem Eindruck beigetragen?

So schlecht, daß es immernoch schlecht ist

Ob der Spiegel deutschlehrerhaft und tendenziell antiamerikanisch rumspießert, wenn er fragwürdige Mitarbeiter-Bespaßungs-Videos aus dem Hause Microsoft als peinlich bezeichnet, oder ob er damit etwas Bemerkenswertes bemerkt.

Wer das „als Trash sieht“, wer also Konzernkultur ohnehin nur als Freakshow und Youtube-Futter wahrnimmt, hat es natürlich leicht, das einfach nur witzig zu finden. Wenn ein solches Werk aber erscheint, dann geschieht das im Rahmen eines Firmenmeetings, wo eine Abteilung dieses Video vorgesetzt bekommt und würdigen soll. Man darf nicht vergessen, daß die Autoren das ernst meinen, d.h. sie halten es tatsächlich für gelingende Selbstironie und glauben damit zu beweisen, „auch mal locker sein“ zu können. Dementsprechen gibt es also auch Leute, von denen bis zu einem gewissen Grad eine Identifikation mit diesem Kack erwartet wird.

Denen gebührt Solidarität in ihrem Leiden. Von daher ist „peinlich“ schon die richtige Feststellung.

Haben Veganer eine Ismen-Schrulle?

Forumsdiskussion: Auf veganismus.ch geht es off-topic um die Etymologie des Wortes „dämlich“. Achim hat gegoogelt und rausbekommen, daß es sprachentwicklungsgeschichtlich nichts mit Damen zu tun hat, selbige also nicht abwertet, also erstmal keinen sexistischen Sprachgebrauch ausmacht. Schön und gut.

Jemand, der sich selbstironisch „Binnen-I-Spinner“ nennt, antwortet ihm:

Schön und gut, Achim: Aber ist das Wort „dam(m)eln“ noch im aktiven Sprachgebrauch vorhanden? Wer kennt und benutzt dieses Wort?
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der etymologische Ursprung von „dämlich“ nicht sexistisch ist, wird aber im Allgemeinen als sexistisch empfunden.

Ich bestreite, daß „dämlich“ im Allgemeinen als sexistisch empfunden wird, denn im Allgemeinen wird ohnehin gar nichts als sexistisch empfunden, das ist Teil des Problems. Gemeint ist, daß „dämlich“ von einigen Antisexisten als sexistisch empfunden wird. Das wußte Achim aber schon. Es ging ihm darum, auszudiskutieren, ob es zu recht so empfunden wird, und diese Frage kann man mit dem Argument eines angeblichen Mehrheitsempfindens nicht abwinken.

Aber jetzt haltet euch fest:

Ähnlich verhält es sich auch mit „Bullen“ als abwertende Bezeichnung für PolizistInnen (jaja, ich bin ein/e der Binnen-I-SpinnerInnen), obwohl sich der Ausdruck von „Buletten“ und nicht von männlichen Kühen herleitet, wird es als speziesistisch empfunden.

Das hat mich sofort an ein Erlebnis mit einem Tierrechtler erinnert, den ich auf dem Gründungstreffen einer Bioessen-Einkaufsgruppe kennengelernt habe. Von dem habe ich einen Rassismusvorwurf gefangen, weil ich für das diskursive Paralleluniversum, aus dem Ansichten wie die da oben kommen, mal das Wort „Absurdistan“ benutzt habe.

Realität und Wahrnehmung klaffen manchmal weit auseinander – gerade bei der Sprache ist die Wahrnehmung aber häufig entscheidender, damit sich Menschen untereinander verstehen.

Daß die Person von Achim erwartet, die vermeintliche Herkunft des Wortes als wichtiger zu bewerten als die tatsächliche, kommt einigermaßen deutlich rüber. Wenigstens wird dieses Interesse nicht vertuscht, indem die Frage nach der Realität gleich ganz ignoriert oder als gesellschaftlich konstruiert in Gänsefüßchen gesetzt wird. Das ist gut und nicht selbstverständlich.

Welcher Zusammenhang besteht aber zwischen Veganismus und diesem übereifrigen Verhältnis zur Sprache? Braucht man das, um das Speziesismus-Konzept heimzufahren?

Breakfast Theory

Zweimal Dekonstruktion mit dem lieben Gott

Gleich zweimal will mir heute jemand Kontroverses auftischen und mit einer Art Mischung aus Psychoanalyse und Theologie schmackhaft machen.

Eine kürzlich verstorbene Professorin für Kulturkram bringt in einem älteren Telepolis-Interview erst eine interessante Analogie zwischen Hirnforschung und biblischem Freiem Willen, dann aber leider ein ganz, ganz, ganz, ganz schlechtes Argument a priori, warum wir nie herausbekommen können, wie das Gehirn denkt. Man kann fast selbst drauf kommen. Na? Weil wir das ja nur durch… Denken herausbekommen könnten, und das kann ja nicht gehen. Warum nicht? Weil damit schon „vorausgesetzt“ wird, was gerade erst erkundet werden soll. Und die Wissenschaftler, bar auch nur der geringsten Dosis Erkenntnistheorie, wie sie das aus Kritischer Sicht ja so an sich haben, wollen einfach nicht einsehen, daß das doch offensichtlich nicht gehen kann.

Viel amüsanter: Ein skeptischer Lebensmittelchemiker, der das Überhandnehmen von Ernährungsmodetorheiten mit sublimierter protestantischer Verzichtsethik erklärt und dann einen schön naturalistischen Schwenk vollführt: Super!

Eigentlich geht es zurück bis in die Anfänge unseres Stoffwechsels: Das menschliche Gehirn ist evolutionsbiologisch eine Ausstülpung des Darms.

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Gegen normativen Kulturismus

Wir Menschen sind Säugetiere, die sich geschlechtlich fortpflanzen. Außerdem sind wir Personen, die in Gesellschaften zusammenleben. Eine Theorie über Menschen muß, wenn sie eine gewisse Aussagekraft erreichen will, mindestens diese beiden Systemebenen umspannen und auch etwas über die Schnittstelle zwischen diesen Ebenen zu sagen haben. Ansonsten ist sie verkürzt.

Verkürzte Theorien, die nur die biotische Ebene betrachten, nennt man biologistisch. Man sollte sie zurückzuweisen, und vor allem Linke tun das gerne und entschlossen und mit Recht. Besonders leicht zurückzuweisen sind sie, sobald in ihnen irgendwelche Bewertungen menschlichen Verhaltens vorkommen. Dann begehen sie nämlich eine spezielle Form des sogenannten naturalistischen Fehlschlusses: Sie behaupten, aus der Tatsache, daß sich das und das menschliche Merkmal evolutionsbiologisch am besten so und so erklären läßt, ergäbe sich das Recht oder die Pflicht, sich auf diese oder jene Weise zu verhalten. Diese Argumentation nennt man manchmal leider auch darwinistisch. (Darwin hat sie nie verwendet.) Die Rassenlehre der Nazis1 und jede Bewertung von Homosexualität mit Verweis auf ihre „Unnatürlichkeit“ sind typische Beispiele für solchen normativen Biologismus.

Verkürzte Theorien, die nur die kulturelle Ebene betrachten, nennt man leider noch nicht sehr oft kulturistisch. Michael Schmidt-Salomon führt diesen Begriff in seinem Essay „Auf dem Weg zu einer Einheit des Wissens“ folgendermaßen ein:

Ich fasse unter dem Begriff „theoretischer Kulturismus“ all jene Weltdeutungsmuster, die menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Zusammenhänge wesentlich über kulturelle Faktoren zu erklären versuchen, ohne dabei die fundamentalen biologischen Gesetzmäßigkeiten (die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie, der Genetik und Hirnforschung etc.) in angemessener Weise zu berücksichtigen. Der „normative Kulturismus“ zeichnet sich dadurch aus, dass er aus solchen kulturistischen Interpretationen politische Sollenssätze ableitet. Normativ kulturistisch sind beispielsweise gesellschaftspolitische Programme, die den Menschen (als Spezies wie als Individuum) als „beliebig formbar“ begreifen (also die biologischen Eigenarten unserer Spezies und auch die biologischen Unterschiede zwischen den Individuen, etwa unterschiedliche Begabungen, unzulässig ausblenden). Normativer Kulturismus zeigt sich auch in der diffamierenden Abwehr gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, die dem vorherrschenden weltanschaulichen Ideologiesystem widersprechen. (Beispiele für diese Denkungsart des „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ sind u.a. die Ablehnung des kopernikanischen Weltbildes oder der Evolutionstheorie durch die Offenbarungsreligionen oder die zeitweise Verbannung der Relativitätstheorie aus dem Kanon der marxistisch-leninistischen Wissenschaften.)

Ich habe gerade einmal wieder das Manifest der A. G. Gender-Killer gelesen, für mich das Paradebeispiel für einen schlechten politischen Text und seit heute auch das Paradebeispiel für normativen Kulturismus. Obwohl wir, glaube ich, keine politischen Gegner sind.

Nun ist dekonstruktivistischer Feminismus sicherlich nicht das „vorherrschende weltanschauliche Ideologiesystem“. Aber diffamierende Abwehr wissenschaftlicher Erkenntnisse findet sich in diesem Text in rauhen Mengen. Insbesondere werden biologische Erkenntnisse überhaupt nicht betrachtet, mit der Begründung, daß sich mit ihrer Hilfe der gesellschaftliche status quo rechtfertigen ließe. Das ist aber ein Fehler, denn durch unschlüssige Argumente läßt sich alles mit allem rechtfertigen. Daß es schlechte biologische Argumente für die Rassenlehre gibt, spricht nicht gegen die Humanbiologie. Oder noch deutlicher: Daß homophobe Diskriminierung nicht wünschenswert ist, bedeutet nicht, daß der Mensch kein Säugetier ist, das sich geschlechtlich fortpflanzt.

Es ist arrogant und ignorant, im 21. Jahrhundert davon auszugehen, daß man über Sexualität irgendetwas Gehaltvolles sagen könne, ohne sich für Biologie zu interessieren. Besonders ärgerlich ist es, daß es in Texten dieses Genres üblich ist, mögliche Einfallstore für wissenschaftliche Argumente auf gleich zwei Arten zu verschließen. Erstens, indem angedeutet wird, für steile Thesen auch wissenschaftliche Argumente oder empirische Belege zu fordern, sei tendenziell rechts. Zweitens, indem die Lücke, die dadurch natürlich klafft, durch den Gebrauch besonders obskurer Sprache vernebelt wird. Gerechtfertigt mit dem albernen Argument, die Welt sei eben so komplex.

Ich möchte, daß diese Art, Theorie zu betreiben, beargwöhnt wird und daß in der Linken begriffen wird, daß Judith Butler ungefähr so seriös ist wie Rudolf Steiner.

  1. Die Rassenlehre der Nazis hat im übrigen natürlich noch zwei Besonderheiten: Erstens, daß sie die verheerendsten Auswirkungen hatte. Zweitens, daß sie schon hinsichtlich ihres biologischen Anteils Käse ist und es sich dabei außerdem noch um einen typischen Fall von Pseudowissenschaft handelt. Jeder weiß das, aber ich will es der Vollständigkeit halber klarstellen. [zurück]

Über Sprachimperialismus

Die „blz“, das ist die Zeitschrift der Berliner GEW, in der ich Mitglied bin, befaßt sich unter dem Untertitel „Gegen den Sprachimperialismus in Deutschland“ mit der Frage, nach welchen Kriterien migrationshintergründige Kinder im Deutschunterricht benotet werden sollen.

Der ebenso naheliegende wie radikale und hier durchaus gut gelittene Vorschlag „Gar nicht. Sie sprechen eben schlechter Deutsch, man muß ihnen aber nicht unbedingt noch mehr Möglichkeiten verbauen, als ihnen deswegen ohnehin schon fehlen. Überhaupt könnte man bei der Gelegenheit mal wieder darüber nachdenken, ob Schulnoten überhaupt sein müssen“ wird leider nicht gemacht. Man macht es lieber andersherum und behauptet stattdessen, daß es so etwas wie gutes Deutsch eigentlich gar nicht gibt:

Eine häufig beobachtete Fehleinschätzung von (Migranten-)Kindern liegt in dem Beharren auf fixen Sprachnormen, nach denen die Bewertung der Sprachkenntnisse vorgenommen wird. Dies ist durchaus fragwürdig, da Normen – wie Sprachen überhaupt – einem steten Wandel unterworfen sind. Nicht zuletzt spiegelt sich dieser Prozess in der gegenwärtig ablaufenden „unendlichen Geschichte“ der deutschen Rechtschreibreform wider.

Was für ein schlechtes Argument. Normen ändern sich, nicht nur sprachliche. Na, und? Folgt daraus, daß die Fähigkeit, die jeweils geltenden Normen einzuhalten, unwichtig wäre? Nein. „Fragwürdig“ ist es vielleicht trotzdem, aber wenn, dann jedenfalls nicht aus diesem Grund.

Es wird als veraltet bezeichnet, Fehler als Fehler anzusehen, sofern man trotzdem noch irgendwie verstehen kann, was gemeint ist:

Es ist eine Tatsache, dass Artikelfehler sehr selten das Verständnis stören, sondern nur das ästhetische Empfinden verletzen, und zwar nur dann, wenn der Sprecher unsympathisch ist oder aus einem Land stammt, das ohnehin wenig Prestige hat. Eine Französin, die einen falschen Artikel benutzt, kann als ‚entzückend’ empfunden werden, während ein arabischer Junge, der von ‚die Auto’ spricht, als primitiv und ungebildet eingeschätzt wird.

Das mag faktisch stimmen. Den zwischen den Zeilen stehenden Sexismusvorwurf an den als männlich und heterosexuell vorgestellten, spießigerweise auf veraltete Sprachnormen bestehenden Lehrer habe ich aber bemerkt. Vielleicht neige ich dazu, arabische Jungen entzückend und Französinnen ungebildet zu finden. Was sagt ihr jetzt? Wäre ich Lehrer – ich will nicht mit Sicherheit behaupten, solche Vorurteile hätten keinen Einfluß auf meine Notenvergabe, obwohl ich es mir anders wünschen würde. Das ist ein gutes Argument gegen die Benotungspraxis überhaupt. Mit der Frage, ob es wichtig ist, korrekt Deutsch sprechen zu können oder nicht, hat es aber nichts zu tun.

Wie soll ich meine Noten also geben? So:

In der Aus- und Weiterbildung von Erzieher/innen und Lehrer/innen sind daher neue Bewertungsstandards einzuführen, die stärker kognitive und emotional-inhaltliche Ausführungen als formale Korrektheiten berücksichtigen.

Und das ist rigoros abzulehnen, meine Damen und Herren! Auf keinen Fall sollen real existierende Lehrkräfte „emotional-inhaltliche“ Ausführungen mit Noten bewerten. Dabei können nämlich tatsächlich nur noch Sympathienoten herauskommen, etwas anderes kann dieses nichtssagend-einfühlsame, wohlmeinend-wirre Doppeladjektiv gar nicht bedeuten.

Abschließend zitieren wir eine Stelle aus dem Aufsatz eines als sprachlich schwach eingestuften türkischen Schülers (6. Klasse), die deutlich macht, dass die Bewertung nach Fehlern nicht die Qualität eines Textes ermessen kann. Zum Thema „Meine Traumreise“ schreibt er: „[…]Nach ein oder zwei Wochen würde ich nach unsere dorf fahren. Da wohnen meine Oma und mein Oper. Ich wörde da von Auto ganz schnel aussteigen und mein Opers Bard anfassen und streischen. Weil das mein Oper liebliengs Bard ist, und auch natürlich mein libliengs Bard ist. Dan würde ich zu meinen Oma von Herzen ein Kus auf ihre baken geben. Ich würde sehr viel mit sie reden, weil ich sie sehr vermist habe.[…]“.

Darauf läuft es nämlich hinaus. Da fand eine der Autorinnen wohl einen türkischen Jungen und seinen Text emotional-inhaltlich entzückend. Hätte er auf dem gleichen Sprachniveau über etwas weniger Niedliches geschrieben, hätte er eine schlechtere Note verdient. So hättet ihr’s wohl gerne.